Mein Sportidol

Als ich vier war, bekam er seinen ersten Profivertrag. Da war er sechzehn. Siebzehn Jahre später, im Sommer 2006, verabschiedete er sich von der großen Bühne des Fußballs. Heute ist er Vater von vier Söhnen. Jeder von ihnen spielt in der Jugend von Real Madrid. Bei den Königlichen. Den Besten ihres Alters. Ob Sie eines Tages einmal in die Fußstapfen ihres großen Vaters treten? Unmöglich. Einfach unmöglich! Sie werden so hilflos sein. So überfordert. So allein mit sich und ihrem Talent. Bekannt, lediglich durch ihren berühmten Nachnamen. Sie werden noch so viel Tore schießen, noch so viele Titel holen – sie werden immer nur die Söhne „von“ sein.

Bestenfalls wird es ihnen ergehen wie Lionel Messi. Dem Argentinier. Dem vierfachen Weltfußballer, dem vierfachen Champions League Gewinner. Heute Superstar. Und morgen? Morgen wird er wieder einer jener Söhne Argentiniens sein, die es nie aus dem Schatten Maradonas heraus schafften. Ihm mangelt es nämlich an Mythos, an Ecken und Kanten, mangelt es an eigenem Profil und Che Guevara-Tattoos. Nicht einmal eine „Hand Gottes“ kann er vorweisen. Als Messi mit einem 60m-Sololauf Maradonas „Jahrhundert-Tor“ der WM 1986 gegen stümperhafte Engländer nahezu exakt kopierte, entschied sich die Welt zu urteilen: Ein tolles, gigantisches, unfassbares Tor, das aber letzten Endes doch wieder nur „wie das von Maradona“ aussah. Vergleiche tun weh. Vergleiche werden den vier Jungs noch wehtun. Wenn sie eines Tages als Erwachsene zum Trainingsgelände schlendern und bei jedem Fehlpass von Hinz und Kunz daran erinnert werden, dem Druck des großen Namen nicht standhalten zu können, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Daher wird auch Messi immer nur Messi bleiben. Die Halbgottposition in Buenos Aires ist längst vergeben. Für immer.

Als ich zwölf wurde, bekam einer seiner Tricks einen eigenen Namen. Im gleichen Jahr holte er mit Juventus Turin den „Scudetto“ (italienischer Meistertitel) und wurde zum „besten ausländischen Spieler“ in Italien gewählt. Sein Trick beschäftigte mich sehr. Er war einfach und doch genial. Zwei Ballkontakte mit der Fußsohle plus 180 Grad Körperdrehung, mit hohem Tempo raus aus der Bedrängnis. Voilà! Das war alles. Als ich den Trick das erste Mal sah, erinnerte er mich mitsamt Spielsituation an eine Keilerei in einem Asterix-Comic. Ein Gallier, in der Mitte stehend, umzingelt von wilden Horden oder viel zu vielen Römern. Als der Staub sich nach dem blinden Anrennen der Gegner legt, steht nur noch einer. Einer mit Zaubertrank in seinen Adern. Rückblickend glaube ich, dass ich in jeder sich bietenden Situation auf dem Fußball- bzw. Bolzplatz den Trick versuchte anzuwenden. Ja, ich suchte regelrecht undurchsichtige Spielsituationen mit möglichst vielen Gegnern auf engem Raum. Jene Spielsituation, die den Trick überhaupt erst möglich machte. Einer gegen alle. Der kleine, flinke Gallier befreit sich. Durch einen einzigen Trick, den sonst keiner kann. Gibt es für ein fußballbegeistertes Kind etwas Geileres?

Ein Jahr später veränderte der 21. Juni 1998 die Fußballwelt. Während der Weltmeisterschaft in Frankreich schlugen deutsche Hooligans bei Straßenschlachten in Lens den Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode. Wieder einmal stand die zivilisierte Welt vor der Frage, ob und wie ein Sportereignis inmitten solcher Bilder überhaupt weitergehen könne. In Frankreich herrschte Schockstarre. Fünfzig Jahre hatte man auf eine WM im eigenen Land warten müssen. An jenem Nachmittag schlug große Euphorie mit einem Male in blankes Entsetzen um. Aus Sicht der Veranstalter konnte dem Hass nur mit Sport geantwortet werden. Das stolze Frankreich schrie nach Genesung, schrie nach einer Antwort ihrer Mannschaft, ihrer Équipe Tricolore. Der Traum vom Titel im eigenen Land avancierte zu einem Trotzmechanismus, der an Kollektivbewusstsein und Patriotismus dynamischer kaum hätte sein können. Zwanzig Tage später köpft mein Idol im Finale gegen Brasilien vor 80.000 Zuschauern in Paris das 1 und 2 zu 0. Rivaldo, Bebeto, Ronaldo. Namen von Superstars. Der beste Angriff der Welt? Pfff. Launische Diven mit Tagesformcharakter! Nichts für mich. Frankreich gewann schließlich mit 3:0. Am Ende des Jahres gab es nur einen Namen, der als Weltfußballer in Frage kam. Daniel Nivel hingegen taumelte an diesem glorreichen 12. Juli zwischen Leben und Tod. Erst sechs Wochen später wachte er aus dem Koma auf. Als Weltmeister.

Drei Jahre später kostete er Real Madrid 73,5 Millionen Euro. Nie zuvor hatte ein Club eine derartige Summe für einen einzigen Spieler aufgebracht. Sein Trick gehörte längst zum Repertoire eines jeden Mittelklassekickers. Die einstige Haarbracht war längst einer imposanten Glatze gewichen. Direkt im ersten Jahr mit ihm gewann Real Madrid die Champions League im Glasgower Hampden Park. Nicht, dass dies für mich nur eine logische Konsequenz war, nein. Mich wunderte nicht einmal, dass er das vorentscheidende 2:0 schoss – natürlich per Seitfallzieher aus zwanzig Metern in den linken Winkel. Ich dachte nur beim Anblick dieses, ohne Frage weiteren Künstlerstücks, wieso er den Ball nicht hätte auf diese Weise im Tor unterbringen sollen. Es war ja schließlich er und nicht irgendein daher gelaufener Nobody, der sein Glückstreffer dem Zufall zu verdanken hatte. Was soll ein 73,5 Millionen-Euro-Mann schon mit einer Flanke anfangen. Richtig. Genau das. Achso, der Gegner im Finale hieß übrigens Bayer Leverkusen und Carsten Ramelow war sein Gegenspieler. Belanglosigkeiten gehören eben an den Schluss.

2006 ist das Jahr der Informatik. Kalkulation und Programmierung negieren Überraschungsmoment und Affekt. Bereits vor der WM war klar, dass er nach dem Turnier seine Karriere beenden würde. Die Équipe Tricolore hatte kein Buchmacher auf dem Zettel. Zu hoch war der Altersdurchschnitt, zu mittelalterlich der Spielstil, zu alt der Kapitän. Das war er. Inzwischen 36 Jahre alt. Er wurde Spieler des Turniers und beendete seine Laufbahn. So in etwa hört sich wohl das Karriereende eines Sterblichen an. Eines Spielers, der nur teuer ist und außer Fußball nichts zu bieten hat. Er aber beschloss in der 7. Minute im Berliner Olympiastadion am 9. Juli, dass ein Elfmeter nicht einfach nur ins Netz gehört. Er zelebrierte einen „Panenka“, der von der Unterlatte hinter die Torlinie sprang. Wer sonst hätte Genie und Wahnsinn so eng zusammen treiben können, wenn nicht er. Sein Abgang hätte groß werden können. Gerade jetzt, wo die auserkorenen neuen „Stars“, allen voran Ronaldinho, wie unerfahrene Pubertäre aufspielten, ausgestattet mit Technik und sonst nichts. Viertelfinale, acht Tage zuvor: Ronaldinho, Kaka, Ronaldo gegen ihn. Er alleine wie Asterix. Brasilien schied das erste Mal seit 1990 vor dem Finale aus. Gerade jetzt, wo die modernen Viererketten aufflammten und dem „10er“, dem edelsten aller Fußlümmler seit Pelé, der Untergang prophezeit wurde. Zeit für die Gunst der Stunde, gegen Jugendstil und bunte Fußballschuhe.

Er aber entschied sich anders. 110. Minute. Kopfstoß gegen Materazzi, Italiens Verteidiger. Mit der Wucht einer Abrissbirne. Platzverweis. Karriereende. Im italienischen Fernsehen gab Materazzi später zu, er habe auf das Angebot, ihm sein Trikot zu geben, wörtlich erwidert: „Preferisco la puttana di tua sorella“ (zu deutsch etwa: „Ich bevorzuge deine Schwester, die Nutte!“). Jeder, der jemals im Vereinsfußball aktiv war, wusste, dass dies nun wirklich keinen Ausraster legitimierte. Weiß doch jeder, dass bei Verbalattacken und Provokationen meistens die eigene Familie herhalten muss. Wer diese rhetorischen Entgleisungen seiner Gegenspieler nicht verträgt, steht beim eigenen Trainer nicht gerade hoch im Kurs. Auch hier gilt die Phrase, dass Fußball im Kopf entschieden wird. Ihm war´s egal. Ihm durfte es egal sein. Majestätsbeleidigungen führen seit Pontius Pilatus eben zu körperlichem Leid. Materazzi sank zu Boden wie ein weinendes Kind, während Zidane schuldgeständig die Kapitänsbinde weitergab. Rein sportliche Leistungen erschaffen eben noch lange keine Statue. Diese folgte ein paar Tage später. Der „Zidane“-Trick fällt mir übrigens heute so schwer wie Brot schmieren. Danke, Zizou.

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Gestatten, Lügenpresse!

Eine Heftseite ist wirklich wenig für diese Zeiten, liebe Leute. Übrigens sollte man als Autor auch die Ich-Form vermeiden. Zu persönlich und so. „Eigentlich aber auch total egal!“, dachte ich mir, da ja eh alles Lügen sind. Eigentlich sollte ich mich in die Berge zurückziehen und einen zähdicken Buchschinken abseits jeder Zivilisation schreiben um diesen Wahnsinn adäquat verarbeiten zu können. Mmh, ich frage mich gerade ob jemals ein Journalist gestreikt hat. Piloten, Lokführer, klar, kein Ding. Aber Journalisten? Es geht mir nämlich nicht gut derzeit. Ich schlafe schlecht und weine häufig. Nach dem Aufwachen ist mir mulmig, ja gar schlecht. Das volle Programm. (Mitleidsbekundungen werden gern entgegen genommen!) Liest, hört oder schaut man dann die ersten Nachrichten am Morgen, ist endgültig der letzte Appetit auf „lecker Frühstück“ vergangen: NSU-Prozesse hier, Pegida dort und Marine Le Pen fordert die Todesstrafe. Täglich kotzt das Murmeltier.

Gerne würde ich mir ein Schild basteln mit Parolen wie „Ein Journalist geht um in Europa!“ oder „Der Journalismus ist tot, es lebe der Journalismus!“, auf die Straße gehen und für die Freiheit der Presse demonstrieren. Geht aber leider nicht. Keine Zeit, denn Zeit ist Geld. Und wir haben gerade keine Zeit, weil wir neben Artikeln über Boko Haram, IS und den ganzen Scheiß auch noch über Pegida und die beknackte Angst vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ berichten müssen. Indes macht es wahnsinnig viel Freude über Menschen wie Lutz Bachmann, den Führer – Pardon, Organisator von Pegida, zu recherchieren um dann herauszufinden, dass der nette Herr selbst einmal Flüchtling war und einen Vorstrafenregister besitzt, der so gerade auf eine Toilettenrolle passt. Sie können mir glauben, liebe Leserinnen und Leser, dass sich ein Text über die FIFA dagegen nicht einmal wie Arbeit anfühlt.

Nein, streiken – das darf, das kann ich nicht. Wäre ja noch schöner! Nachher stellt sich noch heraus, dass es „Die Medien“ gar nicht gibt, sich die taz und die FAZ inhaltlich voneinander unterscheiden und wir vielleicht keine Lügner, sondern die netten Nachbarn mit Spießergrill sind. Ich darf sogar einen fußballlosen Artikel in einem Fußballmagazin schreiben, und das ganz ohne Zensur! Ist das zu fassen!? Artikel 5 sei Dank! Übrigens ja: Wir sind alle gleich! Keiner von uns Autoren war je auf einer Journalistenschule oder hatte vor der ersten Text-Veröffentlichung mit Journalismus zu tun, nein. Ist ja auch kein Beruf, nur eine Art lebenslanges Praktikum ohne Gratiskaffee. Wir sind natürlich alle Autodidakten und dachten uns irgendwann einmal im Chemie-Unterricht, dass Journalismus vielleicht auch etwas mit Wahrheit und moralischer Verantwortung zu tun haben sollte, könnte, müsste.

Wissen Sie, seitdem auch dem letzten Schreiberling klar gemacht wurde, dass Printmedien aufgrund fehlender Absätze in naher Zukunft eh aussterben werden, macht das Schreiben umso mehr Spaß. Ich bekenne mich in diesem Zuge übrigens klar zur „Lügenpresse“. Muss ich ja. Denn was in mancher Tageszeitung steht, stammt teils auch aus meiner Feder. Entschuldigen Sie dies bitte vielmals, Herr Bachmann. Ich mache mir deshalb große Sorgen, nicht mehr zum „Volk“ zu gehören. Schließlich sind Journalisten die wahren Geschichtenerzähler und konstruieren Märchen nur des Geldes wegen. Ja, so einer bin ich dann wohl, ich finde nur gerade den Schlüssel meiner S-Klasse nicht.

Also muss ich dann doch wieder in die Tastatur hämmern, wissen wir doch seit Sokrates, dass es durchaus Sinn macht, Gedanken nicht nur auf dem Marktplatz zu verbreiten, sondern auch aufzuschreiben. Gut, Pegida weiß das vielleicht nicht. Pegida denkt bei Griechenland mitsamt Sokrates auch nicht an die Säulen der Demokratie, sondern an die „Schuldenfalle Europa“, die schlechte Pita von gestern oder einfach nur an „Socrates äh Socratis, den Kicker vom BVB halt.“

Ja, zurzeit ist es nicht einfach nur über Fußball zu schreiben, da es automatisch und unausweichlich zu Kontroversen führt. Pegidas Blind- bzw. Spaziergänger, bejubeln in ein paar Wochen wieder die Tore von Migranten und tragen deren Namen auf dem Trikot und im Amateurbereich ist jeder „Schwatte“ herzlich willkommen, der den Ball mehr als zehn Mal hochalten kann. Man ist extrem verwirrt, wie Fußball-Deutschland für Pegida einmal aussehen soll. Flüchtlinge müssen prinzipiell also raus aus Deutschland, wenn er oder sie aber gut kicken, laufen, schwimmen kann, wird noch einmal ein Auge zugedrückt oder wie oder was? Solch großartige Visionen machen sich in den Augen unserer Verbündeten bestimmt richtig gut. Oder ist dann Marine Le Pen unsere Verbündete? Mir wird schon wieder schlecht. Und soll sich bloß kein Fußballfan dieser Frage entziehen, indem „das eine ja Politik und das andere nur der Fußball“ sei. Politik und Sport wurden nämlich noch nie getrennt. Ungelogen!

hrp

(Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe des abseits° Magazins auf der „Letzten Seite“, in deren Kolumne Autoren „Frei nach Schnauze“ schreiben)

1987: Soccermaster

Die Floppy Disk liegt in dreifacher Ausgabe in einer Plastikbox. Ende des Jahres wird aus dem Retro-Trio ein Quartett werden. Sorgfältig von Papierhüllen ummantelt, penibel archiviert. Staubfrei versteht sich, weit entfernt von Kellerregalen oder Dachböden. Feuchtigkeit oder Hitze sind der Tod jeder Diskettenfamilie. Noch wird die Familie größer, noch gibt es über zehn „nackte“ Disketten, die ihre je 664 freie Blöcke bzw. 166 KB dem jährlichen Kopierritual eines jeden Commodore 64-Fetischisten zur Verfügung stellen. Eine Opfergabe. Ein Tribut. An all die Ahnen, die nicht mehr leben, weil Mutti in irgendeinem Sommer der Neunziger die Jalousien hochzog und die grellen, heißen Sonnenstrahlen das schwarzmatte Plastik der 5,25er Disks zum Schmelzen brachten, während die “Generation Joystick” in der Schule kauerte und Kohl sich mit Gorbatschow noch in Hinterzimmern traf. Eine Überlebende aus jener Zeit ist Disc Nummer 412 mit den Spielen “Summer Games”, “Boulder Dash 1-3″ und “Soccermaster”. Allein diese drei Begriffe lösen bei C64-Ludolfs leidenschaftliche Orgasmen aus. Soccermaster aber öffnete für Fußballfans eine neue Dimension und wurde wegen seiner Geilheit und graphischen Unterwerfung zugleich einfach nur „SM“ genannt.

Zunächst einmal ist es ein Ding. Ein echtes Ding, diese Diskette, die aussieht wie eine quadratisch, praktisch, gute Ritter-Sport für Satanisten. Pechschwarz, spindeldürr. Ein Ding, das man benutzen kann und keine Datei aus dem Internet oder ein Befehl zu einem Download ist. Das Ding schiebt man in einen Floppy, das Mutterschiff aller C64-Dinge. Erst dann kommt der Befehl: LOAD “SOCCERMASTER“ ,8,1. Es folgt eine Wartezeit von 124 Sekunden. Der Floppy röhrt dabei wie ein Uhrwerk, manchmal auch wie ein Staubsauger von Vorwerk. Je nach Tageslaune. Plötzlich eine Grafik vor rotem Hintergrund. Auf schwarzen Buchstaben wird dem Spieler der Vater dieses Fußball-Managers nähergebracht: Soccermaster written by Thorsten Wölki, 5. September 1987. Aha, es wird also noch geschrieben und nicht produced by. Von anonymen Chiffre wie „EA Sports“ (It´s in the game!) ist noch keine Rede. Man weiß sofort, wer verantwortlich ist für den folgenden Scheiß oder Meilenstein. Romantik der Nerds.

Thorsten Wölki also, der Christoph Kolumbus der Fußball-Manager. Weitere 90 Sekunden Wartezeit folgen. In der Zwischenzeit fummelt man an zwei rot-runden Knöpfen herum und drückt einen Miniknüppel in alle Himmelsrichtungen. Standard während der Wartezeiten. Wohlwissend, dass dies keine Auswirkungen auf das Spiel nimmt. Keine Esc-Tasten oder plötzliche Windows-Fenster, die Thorsten Wölkis Namen demontieren, nein, keine Chance. Der Floppy ist nun in seinem Element. Er läd. Und läd. Kontamination ausgeschlossen. Ein Abbruch dieses Atomkraftwerks ist nur möglich durch das Trennen von sämtlichen Stromquellen. Man weiß nur, dass sich irgendwann ein neues, noch unbekanntes Bild öffnen wird und mit diesem hat man klarzukommen. Pixelpornoklassiker wie „Swedisch Erotica“ (1986) schmiss man also nur dann an, wenn wirklich und auf absehbar lange Zeit wirklich niemand im Haus war.

Die Triebwerke des Floppys verstummen. Es folgt das Auswählen eines Vereins der 1. Bundesliga. Waldhof Mannheim, FC Homburg oder Bayer Uerdingen – die Entscheidung fällt immer wieder schwer. Wer es sich wirklich hart besorgen will, wählt den FC Homburg aus. Nicht, weil dieser Verein mit seiner damals ersten Kondom-Werbung auf einem Trikot einen bundesweiten Skandal entfachte, sondern weil dessen Kicker in Soccermaster durchweg die Stufe „schwach“ bis „sehr schwach“ zugewiesen bekommen. Es dauert also ein paar Spiele (Tage, Wochen), bis man sich ins Mittelfeld der Tabelle retten kann. Dafür gibt es auch keine Cheats oder andere Umwege. Man kann auch nicht wählen zwischen irgendwelchen Schwierigkeitsstufen. Man muss mit dem klarkommen, was Thorsten Wölki geschrieben hat. Auch der Bekanntheitsgrad von Spielernamen hilft aus heutiger Sicht nicht wirklich weiter. Kauft man den damals 25-jährigen Lothar Matthäus, kauft man einen „schwachen“ Spieler für 220.000 DM. Englands Gary Lineker hingegen ist einer der ganz wenigen, denen Wölki einen „weltklasse“-Status zuweist. Dieses Chaos ist das SM-System und macht das Spiel so einzigartig. Man stelle sich vor, Lionel Messi würde beim neuen FIFA 2015 mit Spielerstärke 40 beim FC Sandhausen auf der Bank sitzen, während Tobias Werner nicht für Augsburg, sondern für Barcelona netzt wie früher nur Müllers Gerd. Ist Chaos eigentlich eine Eigenschaft für Kultspiele? Für SM ganz sicher.

Es dauert weitere Joystick-Moves in astronomischer Anzahl, bis der erste Spieltag beginnt. Wer aber jetzt denkt, dass beim Fußball das „Runde ins Eckige“ muss, ist auf dem Holzweg. Man sieht nämlich kein Tor und auch keinen Ball. Von Spielern und Publikum kann keine Rede sein. Stattdessen wird der komplette Spieltag aufgelistet. Nichts passiert. Fast nichts. Am unteren Bildschirmrand laufen mit digitalem Hochdruckbeschleuniger die 90 Spielminuten herunter. Bis man seinen FC Homburg überhaupt auf der Liste gefunden hat, steht es bereits 0:1. Torschütze: unbekannt. Zuschauerzahl: unbekannt. Ein –und Auswechslungen: nicht möglich.

Wenn die Uhr stehenbleibt, eröffnet sich nach einer gefühlvollen Rechtsbewegung mit dem Joystick die Team-Übersicht. Matthäus ist nach der 0:4-Klatsche nun „sehr schwach“, Hans-Peter Briegel bekam die Rote Karte („R“) und Rudi Völler ist, wie meistens bei dem Spiel, verletzt („V“). Achso, einen „früheren Spielstand laden“ um den Abstieg zu vermeiden, ist zu diesem Zeitpunkt der Game-History noch nicht möglich. Der Computer muss weiterlaufen. Tag und Nacht. Im Zimmer breitet sich dieser wunderbare Zockerduft aus und man hofft, dass der Floppy nicht abstürzt – oder Mutti in einem Anflug pädagogischen Wahnsinns den Stecker zieht. Am Ende steigt man ab. Mit Homburg oder Bayern München. Darum geht es.

hrp

Net schwätze, mache!

Nicht erst seit Vergabe der WM 2018 an Russland lesen sich Schlagzeilen zum Thema »Russland und Sport« wie ein Liveticker über Homophobie. Doch egal, wie laut die Kritik auch wird – neben den vielen prominenten Worten herrscht gähnende Tatenleere. Statuten, Paragraphen oder Manifeste gegen Diskriminierung wirken so legislativ wie polemische Phrasen.

Politische Wahlplakate bieten dem vorbeihuschenden Volk allerlei Unterhaltung. Vom didaktischen »Wachstum durch Bildung« bis zum utopischen »Reichtum für alle!« ist für jeden etwas dabei. Wem selbst dies noch zu inhaltlich ist, bekommt pragmatischere Alternativen angeboten. Die FDP-Politikerin Helga Daub zum Beispiel geht seit Jahren in Siegen mit dem einmalig südwestfälischen Slang-Slogan »Net schwätze, mache!« in den Wahlkampf. Einfache, klare Worte. In Zeiten politischer Verdrossenheit nur schwer vorzustellen, dass hinter solch irdischen Versprechungen niemand gern sein Kreuzchen setzen würde. Taten besänftigen die Seele eben mehr als Theorie und warme Worte.

Da tut es gut zu wissen, dass manch ambitionierter Tatendrang als niedergeschriebener Leitfaden wiederzufinden ist. Dogmatisch-demokratische Anleitungen, so wunderbar warm und menschlich klingend wie die Statuten der FIFA: »Jegliche Diskriminierung eines Landes, einer Einzelperson oder von Personengruppen aufgrund von Rasse, Hautfarbe, ethnischer, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand, sexueller Orientierung oder aus einem anderen Grund ist unter Androhung der Suspension und des Ausschlusses verboten.« Unmissverständlich weist die FIFA mit ihrem dritten Absatz seine Mitglieder menschlich wie institutionell darauf hin, dass bei Nichteinhalten von »Wenn« ein sofortiges »Dann« folgen wird. Auf den Fußballplatz übertragen repräsentiert der Schiedsrichter die FIFA und folglich deren Gesetze. Praktisch gesprochen ist er dazu verpflichtet, Ausrufe wie »Du schwule Drecksau!« mit dem Platzverweis bzw. »Suspension« zu ahnden.

Mit über 6,8 Millionen Mitgliedern ist der DFB das größte FIFA-Mitglied weltweit, eine Zahl, die große Verantwortlichkeiten mit sich bringt. Verantwortlich zu sein auch dafür, die modernen Ansichten der FIFA vorzuleben und zu fördern. Im Kampf gegen Homophobie gehört seit Juli 2013 die »Berliner Erklärung« zu einer der wichtigsten sportpolitischen Errungenschaften. Justiz- und Innenministerium, DFB und DFL sowie 38 weitere Vereine, Institutionen und Stiftungen unterschrieben und einigten sich darauf, dass »Sport für Vielfalt« steht und dass er die Kraft besitzt, »Menschen unterschiedlichster Herkunft, Weltanschauung und Persönlichkeitsattributen« zu verbinden. Weiter heißt es, und dies ist aufgrund seiner Uneingeschränktheit beachtlich, setze man sich für ein »aktives Vorgehen gegen Homophobie auf allen Ebenen des Sports ein.«

Die »Berliner Erklärung« war mehr als nur ein Anfang. Den verantwortlichen Initiatoren der »Bundesstiftung Magnus Hirschfeld« war etwas Historisches gelungen, da waren sich alle einig. Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle (ADS) wies jedoch darauf hin, dass ein »Coming-Out« eines Bundesligaprofis immer noch »Fehlanzeige« sei.

Während in Deutschland Lektüren gegen Homophobie einen bunten Rahmen bekamen, gerieten russische Vereine einmal mehr in die Schlagzeilen. Dass es sich dabei nicht ausschließlich um homophobe Aktionen von Fangruppierungen handelte, sondern um Diskriminierung im Allgemeinen, wurde im März 2011 deutlich. Bei einem Auswärtsspiel in St. Petersburg empfingen die heimischen Zuschauer den brasilianischen Fußballstar Roberto Carlos zunächst mit gellenden Affenlauten, bevor man ihm nach Schlusspfiff noch eine Banane als Abschiedsgeschenk durch den Zaun überreichte. Ähnliches bekam Yaya Touré zu spüren. Der Mittelfeldspieler von Manchester City wurde beim Champions-League-Spiel gegen ZSKA Moskau im Oktober 2013 derart wegen seiner Hautfarbe denunziert, dass er einen Boykott aller schwarzen Spieler bei der WM in Russland ins Gespräch brachte.

Tourés Mannschaftskamerad Fernandinho stärkte diese Haltung und fügte hinzu: »Wenn die UEFA und die FIFA, die den weltweiten Fußball kontrollieren, nichts machen und wirklich nichts passiert bis 2018, sollte man darüber nachdenken. Es wäre sehr interessant zu sehen, was passieren würde, wenn man dies wirklich durchzöge. Was würden die Fans sagen?« Vielleicht meldet sich ja die »Ethikkommission« zu Wort, eine der wichtigsten FIFA-Rechtsorgane, und verhängt Disziplinarstrafen. Sie würde so nur den zweiten Leitsatz der FIFA, das »Festlegen von Regeln und Bestimmungen sowie die Sicherstellung internationaler Wettbewerbe«, ausdrücken.

Doch nicht nur der Fanblock mutiert in manchen Vereinen zum politisch rechtsorientierten Raum. Bei Zenit St. Petersburg pflegen auch Verantwortliche traditionell eine rassistische Personalpolitik. So schilderte der ehemalige Trainer Vlastimil Petrela nach seiner Zeit bei den Blau-Weißen, dass eine Verpflichtung eines schwarzen Spielers von Seiten der Vereinsführung nicht zugelassen wurde. Die rechte Ultra-Szene, größte Fangruppe des Clubs, schüttelte indessen kurzerhand ein Dogma mit 12 »Selektions-Regeln« aus dem Ärmel, das an homophober und fremdenfeindlicher Ideologie schwer zu überbieten ist. Ein passendes Dokument, um explizit darauf hinzuweisen, dass schwule Spieler »unwürdig« für die Stadt St. Peterburg seien. Ob diese Zustände bei der FIFA-Kommission für »Fairplay und soziale Verantwortung« bei WM-Vergaben Relevanz erfahren, bleibt ungewiss. In St. Petersburg wird die Gazprom-Arena mit 62.000 Plätzen einer der Hauptaustragungsorte der WM 2018 sein.

Inzwischen beschloss Bundespräsident Joachim Gauck, die Olympischen Spiele in Sotchi zu boykottieren. 27 Nobelpreisträger protestierten in einem offenen Brief und riefen Russland dazu auf, die »Prinzipien des 21. Jahrhunderts zu würdigen, für die Michail Gorbatschow (Anm. d, Red.: ehemaliger Staatspräsident der Sowjetunion) gekämpft hat«. In Deutschland outete sich der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger und erfuhr weltweiten Zuspruch. Abwehrspieler Arne Friedrich war »stolz« auf ihn, Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger schwärmte von einer positiven Wirkung auf die Gesellschaft und der englische Premierminister David Cameron sprach gar von Bewunderung.

Homosexualität als Politikum, da werden Erinnerungen wach. Es war die Abschlusskonferenz der WM 2010 in Südafrika. FIFA-Präsident Sepp Blatter machte es sich vor einer Schar Journalisten auf einem schwarzen Ledersessel bequem. In jenem Land, das wie kaum ein anderes unter Diskriminierung und Unterdrückung litt, hatten die Menschen einen Monat lang ihre Freiheit und die Grenzenlosigkeit des Sports in die ganze Welt getragen. Es folgte die Frage eines Journalisten bezüglich der Rechte von Homosexuellen in Katar in Hinblick auf die WM 2022. Blatter lehnte sich daraufhin nach vorn und riet schwulen Fans, aus Respekt vor dem Gastgeberland auf Sex während der WM zu verzichten.

Schwule sollten demnach auch in Russland besser darauf verzichten. Schließlich respektieren Sportler und Gäste stets die Werte des Gastgeberlandes. Die Soziologinnen Nina Degele und Caroline Janz sprechen in ihrer Studie zu »Homophobie, Rassismus und Sexismus im Fußball« der Friedrich-Ebert-Stiftung aus, was Blatter damit auch sagt: »Fußball verbindet – aber immer auch durch Ausgrenzung. Denn das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft entsteht durch Abgrenzung von Anderen. Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, von wem wir uns unterscheiden.« Sepp Blatter kann sich also sowohl in Russland als auch in Katar sorglos zurück lehnen. Schwule Fußballer wissen dank ihm seit 2010 endgültig, wie ernst es die FIFA mit ihren modernen Statuten meint. Würde Hitzlsperger noch in der Nationalmannschaft spielen, müsste ihm DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wohl raten, besser daheim zu bleiben.

Mit der Beratung nimmt es der DFB nämlich besonders ernst. Dies ist auch auf die Arbeit des ehemaligen Präsidenten Theo Zwanziger zurückzuführen, der diesbezüglich immer wieder verdeutlichte, dass sich ein starker Verband wie der DFB nicht mehr nur auf seine primäre Aufgabe, also den Sport, beschränken dürfe. Kampf gegen Homophobie, Rassismus und Diskriminierung dürfe nicht »einfach nur so dastehn«. In einer Demokratie, so Zwanziger weiter, in deren Präambel die Würde des Menschen stehe, dürfe der Fußball »nicht nur Leibesertüchtigung oder Unterhaltung« sein.

Inzwischen bekommen homosexuelle Sportler in der DFB-Informationsbroschüre »Fußball und Homosexualität« eine Anleitung zum möglichen Coming-out. Vom »ersten Gespräch« über die »Wahl des richtigen Zeitpunktes« bis zu »medialer Begleitung« verschriftlicht der Verband auf 27 Seiten einen lückenlosen Leitfaden bunter Fußballvision. Die Lektüre könnte auch doppelt so viele Seiten beinhalten. Ein homosexueller Nationalspieler wird sie trotzdem nicht lesen wollen, denn auf ihn warten in Russland Politiker, deren Antwort auf Homosexualität im Zweifelsfall der Schlagstock ist. Ein Land, in dem Schauspieler wie Iwan Ochlobystin alle Schwulen am liebsten »lebendig in den Ofen schieben« würden. Ein Land, in dem der Generaldirektor der Nachrichtenagentur »Russland heute«, Dmitri Kisseljow, vor laufender Kamera dazu auffordert, Homosexuellen das Blut- und Samenspenden zu untersagen und obendrein deren Organe nach dem Tod zu verbrennen.

Dann doch lieber weiter schweigen und den Fußball auf das Runde reduzieren, das ins Eckige muss, dass ein Spiel 90 Minuten dauert und Abseits ist, wenn der Schiri pfeift. Nicht dass am Ende noch Jens Lehmann zu Homosexuellen unter der Dusche befragt wird oder Franz Beckenbauer nach den Sklaven in Katar. Ob sich die FIFA verspekuliert, ob Russland eine WM verdient hat oder nicht, bleibt Diskurs. Das Anti-Homosexuellen-Gesetz in Russland, welches positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder im Internet als strafbar definiert, unterstreicht dies. Die FIFA steckt in einem Dilemma. Hoffte man auf Putins Millionen und perfekte Stadien, kann man jetzt nur noch hilflos betonen, beim Thema Diskriminierung »null Toleranz« zu dulden. Konnte ja auch niemand zum Zeitpunkt der WM-Vergabe ahnen, dass eine Demokratie wie Russland die FIFA-Richtlinien so ernst nimmt wie Politiker »Net schwätze, mache!«.

hrp

[Der Artikel erschien im WM-Sonderheft (9. Ausgabe) des Transparent Magazins]

Die Geschichte eines Fans

Erndtebrück ist eine kleine Gemeinde in Südwestfalen und überlaufen von Schalkern und Dortmundern. Jan Roskoschs Herz aber schlägt seit der Kindheit für die Eintracht aus Braunschweig, und das nach einem grausamen 0:0 in den Osterferien 1990. Wegen dem BTSV verließ er die Heimat, änderte sein Berufsleben, fuhr von Oberliga bis Bundesliga und lernte durch ein Trainingslager der Eintracht die Frau fürs Leben kennen. Ein Bericht über 7Std-Bahnfahrten zum Heimspiel, lebenslange Dauerkarten und die Tatsache, dass Vereinsliebe vor allem Realitätsnähe bedeutet. Die Geschichte eines Fans.

Auf 683 Höhenmetern findet man die Spitze des Ebschlohs, einem Berg im Rothaargebirge. Überquert man diesen Höhenzug, erstrecken sich nach dem Passieren der letzten Tannenzweige viele Hügel und Felder, von denen eines jährlich für das „Osterfeuer“ der Dorfjugend hinhalten muss. Der sich von dort aus erstreckende Blick in die Ferne ist von nahezu epischer Größe, denn „soweit das Auge reicht“ kann man bis tief ins Hochsauerland oder den Hohen Westerwald schauen. Ein paar hundert Meter weiter talwärts durchquert man das Ortsschild von Erndtebrück. Biegt man kurz danach rechts ab, sind es nur noch wenige Meter bis zum einzigen Braunschweig-Fan weit und breit. „Nur in Bad Laasphe, also 25km von hier, gibt es noch ein Auto mit einem Braunschweig-Schal, aber ich weiß leider nicht, wer das ist.“ schildert Jan Roskosch, genannt „Rossi“, die Situation, die seit seiner Kindheit nie eine andere war. Und dass man sich nicht kennt, ist in der Provinz Wittgenstein wirklich von Bedeutung, dort, wo nämlich „jeder jeden kennt“ und man über jeden Tratsch am Gartenzaun ebenso frohlockt wie über das lang ersehnte Motorengeräusch des neuen Rasenmähers am Samstagmorgen.

Die kommen gerade aus der Mikrowelle. Gestern von Mama selbst gebacken!“ empfängt einen der 35-jährige Rossi mit schwarzem Haar und Mecki-Schnitt. Das Elternhaus duftet nach frischem Kaffee und Gebäck. Im Wohnzimmer stößt man auf Familienfotos, Gemütlichkeit und Vogelgezwitscher, das aus dem großen Garten durch die Fugen des warmen Ambiente dringt. Dann schon lächelt einen aus der Glasvitrine ein kleiner Gegenstand aus Aluminium an. Es ist eine ´67er Meister-Bierdose, einer damals limitierten Edition der Dortmunder Union-Brauerei. Nicht wirklich überraschend, dass Familie Roskosch die vierzig Euro auf Ebay als Schnäppchen empfand. Spätestens in diesem Moment kapiert jeder Gast im Hause Roskosch, in welcher Löwengrube er sich befindet.

Rossis Eltern zogen Anfang der 70er gemeinsam von Braunschweig nach Erndtebrück, da Vater Roskosch dort zum Wehrdienst eingezogen wurde. Kurz darauf und zehn Jahre nach dem Meistertitel der Eintracht erblickte Rossi das Licht der Welt. Im Laufe seiner Kindheit besuchte er häufig die Großeltern in Braunschweig. Die erste Luft der späteren Heimat wurde geatmet, der erste Stadionbesuch gegen Saarbrücken stand kurz bevor. Ein paar Wimpernschläge später saß der 13-jährige Rossi mit seinem Opa und seiner Mutter direkt vor der Gegengerade: „Die waren früher ja noch geteilt. Oben Stehplatz, unten Sitzplatz. Also habe ich direkt beim ersten Mal die volle Dröhnung abbekommen! Einfach geil!“ erinnert sich Rossi, der den Stadiongang als nachträgliches Geschenk zum Geburtstag bekam.

Es war der 7. April 1990. Michail Gorbatschow war seit ein paar Tagen Präsident der UdSSR, „Pretty Woman“ stand in den Kinocharts immer noch auf Platz 1, James „Buster“ Douglas boxte Mike Tyson K.O. und Eintracht Braunschweig, ja Eintracht Braunschweig schenkte dem jungen Jan Roskosch eines „der schlimmsten Spiele, die man sich nur vorstellen kann!“. Am Ende stand vor 5.700 Zuschauern ein hochverdientes 0:0. Ausgerechnet an diesem Tag. Hatte der kleine Rossi doch so lange bei Opa für einen Besuch betteln müssen, da dieser Fußball stets aus tiefer Überzeugung hasste: „Nee, da geh´n wir nicht hin! Die scheiß Fußballer! Verdienen viel zu viel! Alles nur für so ein paar Minuten auf dem Spielfeld! Und ich krieg hier so ne schmale Rente!“ Trotz vieler langer Bälle und unerträglichem Mittelfeldgemetzel passierte es: Rossi war vom Eintracht-Virus infiziert.

Es liegt wohl in der Sache der Fußballnatur, dass die größten Fan-Lieben meist aus den negativsten Momenten heraus entstehen. So erinnert sich Rossi an seinen BTSV-Kumpel Clemens, der bei seinem ersten Spiel im Müngersdorfer Stadion ein 0:6-Debakel in die blau-gelbe Fanwiege gelegt bekam. So wurden nach Rossis Nullnummer gegen Saarbrücken die Stadionbesuche mehr und mehr. Schulferien waren von jetzt an so ausgelegt, die Großeltern zu besuchen um dann an die Hamburger Straße zu pilgern. Da Rossi noch zu jung war um alleine los zu ziehen, mussten Oma oder, je nach Tageslaune, auch Opa mit.

Zurück in der Heimat wurde sein BTSV vor allem in Oberliga-Zeiten von Mitschülern zur Lachnummer degradiert. Doch vielleicht war es gerade das, was Rossis Eintracht-Herz noch weiter anschwellen ließ: „Das war auch irgendwo das Schöne. Schalker und Dortmunder gab es viele. Wie Kids in diesem Alter eben sind. Das war dann der Reiz zu sagen: Gut, biste halt der Einzige hier!“. Aus heutiger Sicht würden seine Eltern wohl nicht gerade verneinen, dass ihr Rossi als Jugendlicher generell gegen das „Dagegen-Sein“ war.

Trotzdem würde er heute nicht so weit gehen und die Umstände damals mit dem Begriff „Trotz“ umschreiben, auch wenn die ständige Verteidigung natürlich seinen Reiz hatte: „Oft habe ich nur müde gelächelt, aber eben auch argumentiert, dass es ein geiler Verein mit lauten Fans sei, auch oder weil es damals weniger Fans waren als heute.“ Und während sich Rossis Mitschüler an Montagen noch immer über die verpassten Chancen ihrer Topstars in Topspielen der ersten Liga echauffierten, freute sich der einzige Löwe des Schulhofes über erstmals 10.000 Zuschauer im Stadion. Gegner: Kickers Emden!

Damals war das Wochenendticket der Deutschen Bahn noch so günstig, dass auch die ärmste Kirchenmaus den Weg ins Stadion finden konnte. Für Rossi dauerte eine einfache Fahrt von Erndtebrück ins Reich der Träume sieben Stunden. Inzwischen hatte er mit Kumpel Markus einen waghalsigen Begleiter gefunden. Jeden zweiten Samstag schlossen sich für das Duo um 5Uhr morgens die Türen des ersten Zuges, der sie über Siegen, Hagen, Hamm, Bielefeld und „Maschseehausen“ (Hannover) ins gelobte Land brachte: „Damals gab es zudem noch kein Dosenpfand. Wir stopften uns den Rucksack voller Bier und fuhren für ein paar Mark durch Deutschland. Einfach eine geile Geschichte!“

Vor allem erinnert sich Rossi gern an die Gegebenheiten im und ums Stadion. Wenn ihr Rucksack nach Halt des Zuges einmal keine Leere offenbarte, wurde aus der Not eine Tugend gemacht: „Es gab zwar Ordner, aber die haben, bis auf ein paar Stichproben, nicht kontrolliert. Du konntest mit nem angeklebten Bierkranz am Bauch in den Block marschieren, es hat keinen interessiert. Nach Schlusspfiff stand dann die ganze Kurve voller Leergut.“

Doch nicht nur dies änderte sich im Laufe der Zeit. Rossis Schulzeit endete und eine erfolgreiche Ausbildung zum Metallbauer folgte. Das wichtigste Novum aber war der Führerschein. Auch wenn Zugfahrten immer viel Halligalli garantierten, so war man doch auf die Übernachtung bei den Großeltern angewiesen. Zudem waren und sind bis heute die Verbindungen über Hagen katastrophal und bescheren nicht selten böse Überraschungen. Der Führerschein ermöglichte Rossi daher vor allem eines: den Kauf seiner ersten Dauerkarte.

Gleichzeitig wuchs die Sehnsucht nach mehr als nur Wälder, Wiesen und Schützenfeste: „Als Kind in Erndtebrück aufzuwachsen ist echt schön. Aber wenn man dann erwachsen wird und abends mal etwas anderes erleben will als immer nur dieselbe Kneipe mit den gleichen Gesichtern, war im wahrsten Sinne des Wortes Ende im Gelände. Was das angeht ist hier einfach der Hund begraben und mit fünfzehn, sechzehn willst du dich nicht einfach ergeben und daneben legen. Ich musste irgendwie raus da!“

Im Nachbardorf Birkelbach gab es damals als einzigen Anlaufpunkt das „B.E.U.S.S.E“, eine urige Rockdisco, die einheimische Mittvierziger noch heute mit mystischen Kräften von Ozzy Osbourne, unverhofften Vaterschaften im Hinterhof und Männlichkeitsritualen wie das Nageln in Baumstümpfe oder das Schlagen in Visagen in Verbindung bringen. Dort schmiss Rossi bis in die frühen Morgenstunden zu Metal-Riffs von Iron Maiden bis Helloween seine damals lange, schwarze Haarmatte um sich: „Es gab nichts anderes als diesen Schuppen. Punkt.“ Als wenn er es geahnt hätte, schloss das B.E.U.S.S.E kurze Zeit später und hinterließ (bis heute) eine Partyeinöde der Superlative. Genügend Platz und Ruhe also für die einzige „Wisent-Wildnis“ Deutschlands, welche inzwischen so viele Touristen anlockt, dass wohl selbst das „B.E.U.S.S.E“ davon leben könnte.

Nach drei Jahren als Metaller, provinzieller Tristesse und der stetigen Sehnsucht nach seiner Eintracht, entschied sich Rossi für einen anderen Weg. Enthusiastisch begann er Bewerbungen an sämtliche Firmen im Raum Braunschweig zu schreiben. Als dann aber die ersten Absagen seinen Briefkasten erreichten, holte ihn die Wirklichkeit ein: „Bei VW anzuheuern war schlichtweg unmöglich, soviel stand fest. Also bewarb ich mich bei kleineren Firmen, die aber ein derart miserables Gehalt gezahlt hätten, sodass ich im Vergleich zu meinem bisherigen Leben erhebliche Abstriche hätte machen müssen. Allein im Hinblick auf eine neue Wohnung waren diese Zahlen undenkbar.“

Dann jedoch passierte etwas ganz Entscheidendes.Rossi erlitt einen Arbeitsunfall, der ihm neben dem Krankfeiern vor allem Zeit zum Nachdenken bescherte. Er entschied sich für eine zweijährige Schulung zum Techniker, in Braunschweig versteht sich. Inzwischen hatte Rossi sein 26. Lebensjahr eingeläutet und es war an der Zeit sich zu entscheiden. Trauriger Weise verstarb 2001 sein Großvater, den er einst so sehr für einen Stadionbesuch hatte anbetteln müssen. Da die Möglichkeit bestand, in dessen Wohnung einzuziehen und er von Elternseite jegliche Unterstützung zugesichert bekam, erfolgte kurz darauf der „lang ersehnte Umzug“ in die Stadt seines Vereins.

Von nun an war Eintracht Braunschweig nicht bloß eine Wochenendbeschäftigung. Auf seiner Homepage konnte man sich ab 2005 an Berichten und Fotos aus vier Kategorien erfreuen: „Erste Herren auswärts, Zweite und Dritte Herren, Jugend und Sonstige Spiele.“ Heimspiele der Profis fanden dort aufgrund von Selbstverständlichkeit nicht einmal Platz. Der Kauf einer lebenslangen Dauerkarte zum Preis von 1967€ entpuppte sich nur noch als logische Konsequenz des Ganzen: „Nach dem Verbleib in der 3. Liga konnte man die kaufen, weil der Verein wohl ziemlich klamm war zu diesem Zeitpunkt. Ich glaube davon gibt es nur 150 oder 200 Stück. Als Erstes habe ich mich natürlich versichert, dass die Karte auch für sämtliche Europapokalspiele gilt!“

Rossi wusste stets mit sportlichen Tälern umzugehen. Umso mehr empören ihn jene Leute, die nach den erwartungsgemäß wenigen Punkten in Bundesliga eins nach Jahren des Schweigens „plötzlich aus ihren Löchern kommen und natürlich wissen, wie man alles besser machen könne.“. Für Rossi, der inzwischen bei der Berufsfeuerwehr Fuß gefasst hat, zählt nach all den Berg- und Talfahrten seiner Löwen nur eine allgemein positive Entwicklung des Vereins und der damit einhergehende Wunsch nach Kontinuität. Natürlich ging für ihn mit dem Aufstieg in die Bundesliga ein Traum in Erfüllung und natürlich wäre es seiner Ansicht nach allein aus finanzieller Sicht töricht, nicht alles Machbare für den Klassenerhalt in die Waagschale zu werfen. Doch wer vor ein paar Jahren noch unter strömendem Regen Auswärtsniederlagen beim Wuppertaler SV einsteckte, steht dem vom Euphorie getragenen Neuen auch mit viel Respekt gegenüber.

Neue Gelder bieten immer neue Chancen, verbergen aber auch gerne die Gefahr von Fehlinvestitionen und Missmanagement. Man muss sich nur anschauen, welch traurige Geschichte sich (immer noch) am Aachener Tivoli abspielt, unter welchen Umständen Kickers Offenbach keine Lizenz für die 3. Liga bekam oder welch apokalyptische Tage hinter dem MSV Duisburg liegen. Marc Arnold und Torsten Lieberknecht verkörpern für Rossi das genaue Gegenteil: „Ich atmete regelrecht auf. Es wurden keine Millionen für irgendwelche Risikoeinkäufe verprasst, nur um irgendwie die Klasse zu halten. Stattdessen investierte man u.a. in ein Jugendleistungszentrum, ja sogar in eine Rasenheizung des Trainingsplatzes. Im Enddefekt in all jenes an Infrastruktur, das Zweit- bzw. Erstliganiveau aufweist. Für mich das Wichtigste überhaupt!“

Dachte er. Doch etwas mindestens genauso Wichtiges passierte ihm im Januar 2012 im türkischen Antalya. Die Trainingslager der Blau-Gelben waren für Rossi inzwischen eine Selbstverständlichkeit geworden. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort traf Rossis Kumpel Robert aus Neulußheim ein. Mit im Gepäck hatte Robert ganz spontan ein rothaariges Mädel namens Angela, die zwar auch die Mannschaft begleiten wollte, aber primär nur aus dem Grund mitgekommen war, weil sie einen Spieler näher kennen lernen wollte. Voller Vorfreude wartete Angela sehnsüchtig auf ihre Chance. Als dann aber die Spieler des BTSV zu ihrer täglichen Einheit das Trainingsgelände betraten, fehlte Angelas Schwarm mit Vornamen Jan plötzlich.

Es stellte sich heraus, dass es ihn über Nacht zu den „Kickers“ an den Bieberer Berg geweht hatte. Während Robert längst die Rolle des Verkupplers übernommen hatte, sprach Rossis ebenfalls mitgereiste Schwester Sarah Tacheles: „1 Jan ist noch da!“ Was dann passierte bleibt natürlich im Privaten, oder wie Rossi sich schmunzelnd erinnert: „Sie sagte: ´Für die Eintracht tue ich alles!´ Da hab ich mir gesagt: „Das isse!“  Zurück in Braunschweig trafen sich die beiden dann auf ihr erstes, richtiges Rendezvous: Testspiel Eintracht Braunschweig gegen Union Berlin in klirrender Kälte. Viele der eh Wenigen verließen deshalb schon Mitte der 2. Halbzeit das Stadion. Nur Rossi und Angela blieben und machten sich einen schönen Abend.

Der zweite Kaffee läuft durch. Inzwischen sind Rossis Schwester plus Anhang auf ein „Schwätzchen“ vorbei gekommen. Der Teller mit Muttis Gebäck offenbart inzwischen große Lücken. Zwei Stunden sind vergangen und viele Anekdoten gingen runter wie warme Semmel. Plötzlich aber starrt Rossi für einen kurzen Moment in vollkommene Leere. Er denkt kurz nach, holt Luft. Dann erinnert er sich an das Drama am 31.05.2008, der Tag, an dem Eintracht Braunschweig durch einen Sieg gegen die Reserve des BVB und dem gleichzeitigen Sieg von Lübeck in Essen die Qualifikation für die 3. Liga schaffte.

In Demut spricht Rossi jenes an, was aus seiner Sicht eben jene Nörgler von heute nicht sehen. Für ihn ist es immer noch das „wichtigste Spiel“ seines Lebens, weil es für die Eintracht das wichtigste Spiel war. „Diesen Sprung nicht zu schaffen, hätte den Verein in eine völlig andere Richtung verschlagen. Besonders klar wird einem das, wenn man sich aus heutiger Sicht all jene Traditionsvereine anschaut, die damals unter dem Strich standen. (u.a. VFB Lübeck, Rot-Weiß Essen, Hessen Kassel, 1.FC Magdeburg; Anm. d. Red) Es ist keine Phrase. Es ist nur das Aussprechen von Realität. Ohne den Lübecker Sieg in Essen stünden wir heute im Niemandsland!“ Kurz atmet Rossi tief durch, spürbar die emotionalen Sekunden von damals vor Augen. Dann plötzlich hebt sich sein Haupt wieder etwas. Ein neuer Gedanke. Plötzlich grinst er. Grinst verschmitzt und glücklich zugleich. Denn plötzlich fällt ihm das ein, was er eigentlich sagen wollte: „Ach scheiß drauf, wir nehmen es eh´wie es kommt!“

hrp

(Der Artikel erschien im Abseits-Magazin (11. Ausgabe) sowie in gekürzten Fassungen in der Siegener Zeitung und der Westfalenpost)

Ein Schnuller für den Kosovo

Am Ende steht es 0:0. Die Fußballauswahl des Kosovo beendet ihr erstes offizielles Länderspiel gegen Haiti mit einem Remis. Laut Sepp Blatter ein historischer Tag für die Zukunft des Fußballs im Kosovo. 2000km von Mitrovica entfernt sitzen drei kosovarische Brüder vor einem Livestream im südwestfälischen Bad Laasphe.

Die Kamera schwenkt auf drei weiße Fahnenmasten. Obere Reihe von rechts, wehend: Die Flagge von Haiti mit blauroten Quersteifen. Daneben die gelbe FIFA Fair Play-Flagge. Dann die Fahne der FIFA mit dem Slogan „For the Game. For the World.“. Dann ein leerer Fahnenmast. Eine Einstellung später pfeift Sportskamerad Stephan Klossner aus Aarau die Partie an. Gegen den 79. der FIFA-Weltrangliste stehen auf kosovarischer Seite Enis Alushi und Albert Bunjaku vom 1. FC Kaiserslautern, Ilir Azemi von der SpVgg Greuther Fürth, Fanol Perdedaj von Energie Cottbus und Faton Toski vom FSV Frankfurt im Kader.

„Vereine und Verbandsmannschaften des kosovarischen Fußball-Verbandes dürfen keine nationalen Symbole zur Schau stellen oder Nationalhymnen abspielen“, heißt es im Wortlaut. Diese und andere „Modalitäten“ verabschiedete das FIFA-Dringlichkeitskomitee am 13. Januar 2014 nach einem Treffen mit Tomislav Karadžić, dem Präsidenten des serbischen Fussballverbands (FSS) und Fadil Vokrri, Präsident des kosovarischen Verbandes (FFK). Jene Sitzung wurde am Ende in einem symbolischen Schnappschuss festgehalten. Sepp Blatter, mittig als strahlender D’Artagnan positioniert, verbindet die Hände von Vokrri links und Karadžić rechts. Bereits sieben Monate zuvor hatte das FIFA-Exekutivkomitee einen Beschluss gefasst, der dem Kosovo Freundschaftsspiele gegen FIFA-Mitgliedsverbände ermöglichte.

Von diesem Zeitpunkt an sorgte die Zusammenstellung des Kaders bei kosovarischen Fußballsfans alltäglich für Gesprächsstoff. Die Facebookseite „Accept Kosovo in FIFA and UEFA“ ist mit über 70.000 Abonnenten das aktuellste und meinungsstärkste Sprachrohr dieser Personaldebatte. Wöchentlich werden mögliche „Neuzugänge“ vermeldet. Minuten später folgt dann meist eine Aktualisierung des Traumkaders in graphischer Form.

Solange der Kosovo jedoch kein Mitglied der FIFA und UEFA ist, entpuppen sich diese Grafiken als utopische Visionen. Beide Verbände berufen sich auf ihre Statuten, nach denen ein Staat erst dann beitreten kann, wenn er den Vereinten Nationen angehört. Da aber einige Staaten, u.a. Serbien und Russland, die Souveränität des Kosovo nicht anerkennen, befindet sich der kosovarische Fußballverband seit der Unabhängigkeit 2008 in einer Sackgasse. Offizielle sprechen von Diskriminierung und Unterdrückung. Vom „Fußball-Ghetto“ Kosovo ist die Rede. Einzig und allein eine Ausnahmeregelung könnte an diesem Zustand etwas ändern. Sollte sich jedoch eine solche Ausnahme ergeben, würden völlig neue Debatten entfacht. Vor allem über Spieler, die bereits für andere Nationen Länderspiele absolvierten.

Granit Xhaka, geboren im Südosten des Kosovo, wechselte für 10 Millionen Euro zu Borussia Mönchengladbach und steht fest im Aufgebot der schweizer „Nati“. Das „Jahrhundertalent“ Adnan Januzaj ging 2011 mit 16 Jahren für über eine halbe Millionen Euro Ablöse vom RSC Anderlecht zu Manchester United. Während Mutter und Vater Anfang der 90er nach Belgien flüchteten, kämpften Adnans Onkel in der UÇK. Besart Berisha, geboren in der Hauptstadt Prishtina, schnürrte seine ersten Fußballschuhe in Berlin, bevor es ihn u.a. über den HSV, Arminia Bielefeld nach Australien zu Brisbane Roar und dem deutschen Legionär Thomas Broich verschlug. Linksaußen würde sich der schweizer Nationalspieler und Profi des FC Bayern Xerdan Shaqiri einfinden, der nach dem Gewinn der Champions League mit der Flagge des Kosovo seine Runden in Wembley drehte. Hinzu käme Valon Behrami vom SSC Neapel. Mit fünf Jahren flüchtete er 1990 mit seiner Familie in die Schweiz. Rückblickend sagt der 46malige Nationalspieler: „Hätte es damals schon einen unabhängigen Staat Kosovo gegeben, ich hätte mich gegen die sportlichen Perspektiven entschieden und würde heute für Kosovo spielen.“ Fünf Namen. Gesamtmarktwert: 53.000.000€.

In Deutschland findet kaum Berichterstattung über die Problematik statt. In Österreich und der Schweiz leben im Verhältnis mehr Kosovaren als in Deutschland. Besonders in der Schweiz stellen ca. 200.000 Kosovaren neben Italienern, Deutschen und Portugiesen die größte Ausländergruppe. Hinzu kommt der besondere Stellenwert von Sportlern wie Shaqiri oder Xhaka, durch deren sportliche Leistungen das Thema Nationalmannschaft automatisch an Relevanz gewinnt. Den I-Punkt dieser Diskussion erbrachte der Volkentscheid „Gegen Masseneinwanderung“ Anfang Februar 2014, angetrieben aus dem Lager der rechtspopulistischen SVP.

Im Kontext zur schweizer Nationalmannschaft entwickelte sich ein absurdes Szenario. Der schweizer Radio-Sender SFR3 bezog mit einem Comic Stellung, in dem auf der Spielhälfte der „Nati“ allein Stephan Lichtensteiner auflief. Ein echter Schweizer eben, ganz ohne Migrationshintergrund. Als im Januar bestätigt wurde, dass der Kosovo offziell Freundschaftsspiele austragen dürfe, titelte der „Blick“: „Verlieren wir jetzt Shaqiri und Co?“. Der beliebteste Kommentar diesbezüglich kam von Reinhard H.: „Jeder dahin, wo er hin gehört. Die machen ohnehin keinen Hehl draus, für wo das Herz schlägt. Den CH-Pass nur, weil er Vorteile bietet! Also, lasst sie ziehen.“ 1621 Gefällt das. 528 gefällt das nicht. Ein zweiter Kommentar beklagt: „Das hat man nun davon! […] Sie singen ja nicht einmal die Nationalhymne mit. Soviel zur Integration!“ 1597 gefällt das. 653 nicht. Und so weiter, und so weiter.

Als eine Stunde vor dem Anpfiff gegen Haiti die Namen der Startelf bekannt werden, sitzen Albert, Besnik und Mergim Veseli vor ihrem Fernseher in Bad Laasphe. Ihre Wurzeln liegen in Mitrovica. Jedes Jahr fliegen sie dorthin zurück um die Großmuttter zu besuchen. In Deutschland fiebern sie seit Wochen dem Spiel gegen Haiti entgegen. Den Urlaubstag reichten sie bei ihrem Arbeitgeber gefühlt schon mit der Unabhängigkeit 2008 ein. Selbst kickend in Bezirks- und Kreisligen, für den BVB jubelnd, für kosovarische Fußballer weltweit schwärmend, dreht es sich bei den drei Brüdern im 24/7-Takt um Fußball.

Albert (24): „Als ich 18 war, klickte ich viel auf tranfermarkt.de herum. Mit einem Kumpel aus dem Saarland trug ich die albanischen Ligen und Spieler in das Grundgerüst ein, aktualisierte ständig Kanäle, Gruppen und Foren. Das hielt mich teilweise die ganze Nacht über wach. Immer mit dem Ziel, irgendwelche Infos über Transfers oder neue Spieler heraus zu finden. Kosovarische oder albanische Statistiken und Gerüchteküchen gab es ja kaum. Im Web 2.0 war der Kosovo ein schwarzes Loch!“

Dass es am Ende „nur“ Haiti wurde, hätte für die meisten Kosovaren eine untergeordnete Rolle gespielt, wenn das Warmup zum Spiel glücklicher verlaufen wäre. Zunächst war Jamaika als Gegner in aller Munde, das in der FIFA-Weltrangliste auf Platz 80 rangiert. Jedem war klar, dass es gegen keinen der „großen“ Fußballnationen gehen würde. Zudem wäre mit Winnie Schäfer eine echte Trainerkoryphäe zu Gast gewesen. Dann aber machte das Gerücht die Runde, dass der Gegner vielleicht Kroatien heißen könnte. Eine unglaubliche Vorstellung, die schließlich wie eine Seifenblase durch die „Modalität“ platze, dass der Kosovo keine Spiele gegen Länder des ehemaligen Jugoslawiens bestreiten dürfe. Dem nicht genug.

Als sich 2009 zufällig die Auswahlen Brasiliens und des Kosovo gleichzeitig in der Schweiz aufhielten, stand ein Freundschaftsspiel gegen die Selecao laut kosovarischen Medienberichten fest. Für Kaka, Robinho und Co. ein willkommenes Vorbereitungsspiel auf die WM 2010. Für die Kosovaren das Spiel ihres Lebens. Erste Karten sollen schon im Druck gewesen sein. Mit dem St. Jacobs-Park in Basel stand der Austragungsort schon fest. Dann schritt die FIFA ein. Das Spiel fand nicht statt. Ob und wer für die schlussendliche Ente verantwortlich war, spielte eine sekundäre Rolle. Primär war es vor allem und wieder die fußballverrückte Bevölkerung des Kosovo, die den eigenen TV-Sendern glaubte, große Euphorie entwickelte und am Ende mit gesenktem Haupt von Platz und Tribüne schlich. Irgendwann glaubten viele Kosovaren diesen Meldungen nicht mehr. Lethargie setzte sich an Stelle von Euphorie. In Foren wurde schon das Horroszenario manifestiert: „Stell dir vor, es ist (dann doch irgendwann) Länderspiel und keiner geht hin.“ Nachvollziehbar, dass es den drei Brüdern nach diesem Hin und Her heute beinahe egal ist, welche Spieler auflaufen oder wie der Gegner heißt.

Besnik (22): „Das „Ja, aber-Gefühl“ kennen wir mehr als genug. Umso mehr sollten Verantwortliche in Zukunft keine Hoffnungen sondern Fakten schaffen. Wir Kosovaren haben eben diese Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität. Daher sagen wir im ersten Atemzug danke für diesen 5. März, sprechen aber auch aus, dass zu jedem Länderspiel auf der Welt Fahnen und Hymnen gehören. Dafür ist es Sport, dafür ist es Fußball und eben keine politische oder religiöse Kundgebung.“

Inzwischen ist es 14:37Uhr. Keine Vorberichte. Stattdessen Folklore und Talkshows. Den Fernsehsender RTK empfangen die Veselis via Satellit. Ein Hauch von Missstimmung durchfliegt das Wohnzimmer. Seit Tagen läuft der Programmhinweis der Liveübertragung im Loop-Modus. Von der Terrasse des mehrstöckigen Eigenheims schlendert Vater Ruzhdi „Rudi“ herein. Es folgt ein Smalltalk über das heutige Berufsleben, dass jeder ja schauen muss, wo er bleibt. So wie der Fußball im Kosovo.

Rudi (45): „Früher im ehemaligen Jugoslawien gab es richtig guten Fußball. Pristina spielte in der höchsten Liga. Zu Heimspielen gegen Partizan und Roter Stern Belgrad kamen 40.000 Zuschauer. Es waren großartige Duelle. Ebenso gegen Dynamo Zagreb und Hajduk Split. Als ich in der kroatischen Armee diente, lag unser Stützpunkt nur 80km von Split entfernt. Klar wurde ich Fan. Und jetzt guck dir das hier an!“

14:50Uhr. Weiter Folkloretänze, 4:3-Format und verpixelte Gesichter in VHS-Qualität. Rudis Söhne hämmern inzwischen auf ihren Handys herum wie auf C64-Tastaturen. In Deutschland leben ca. 300.000 Kosovaren. Die Hälfte fragt wohl gerade bei Albert an, ob man dem Fernsehsender nicht einen spontanen Besuch abstatten sollte. RTK wird das Spiel nicht übertragen. Warum, weiß keiner. Keine Meldung, keine Newszeile. Allen Ankündigungen des Senders zum Trotz. Rudi schließt die Familiensitzung mit der Spieltagsanalyse: „Typisch Kosovo.“ Dann verschwindet er im Keller um zu arbeiten. Für zuckende Livestreams stellt Rudi seine Nerven nicht zur Verfügung. Der Rest ist Schweigen.

Um 15:08Uhr flackert auf dem PC im ersten Stock das, was man wohl einen Stream nennt. So langsam, dass man sogar noch pünktlich den Anpfiff mitbekommt. Das Olympiastadion „Adem Jashari“ in Mitrovica wurde extra für diesen Tag renoviert. Graue, teils brüchige Betonstufen weichten grünen Sitzschalen. An den Sicherheitskriterien der FIFA orientiert, können die Kosovaren in diesem Stadien von nun an Nationen aus aller Welt empfangen.

Ob der Name eines kriegerischen Volkshelden eine glückliche Wahl für den Titel eines Fußballstadions ist, bleibt zu bezweifeln. Der Wiederstandskämpfer Adem Jashari starb 1998. Das Massaker an seiner 42-köpfigen Familie durch serbische Polizisten ging in die Geschichte ein und gilt als Wendepunkt der Kosovo-Krise. Viele junge Kosovo-Albaner folgten nach dem Mord an Jashari dem Mythos des Märtyrers und schlossen sich der UÇK an. Jasharis Anwesen in Prekaz ist heute die bekannteste Gedenkstätte des Landes. Nach der Unabhängigkeit wurde Jashari gefeiert wie man es mit Che einst in Kuba tat. An jeder Straßenecke konnte man T-Shirts von ihm bekommen.

Albert: „Klar kann man hinterfragen, ob Jashari ein sinnvoller Name für eine Sportstätte ist. Aber gerade Mitrovica steht einmal mehr für den Kampf um die Anerkennung in der Welt. Hinzu kommt, dass das Stadion bis zur Unabhängigkeit ausnahmslos von Serben benutzt wurde, während die kosovarischen Teams auf katastrophalen Bolzplätzen kicken mussten. Man muss sich auch fragen, wie man das Stadion sonst hätte nennen können. Es ist nicht so wie in Deutschland, wo die Kuzorras für Gelsenkirchen, die Walters für Kaiserlautern oder die Morlocks für Nürnberg stehen. Die Identiätsfrage ist für die meisten Menschen im Kosovo immer mit dem Namen Jashari verbunden. Dort liegt für viele der Anfang, das Wir.“

17.000 Zuschauer sind gekommen. Die Stimmung ist trotz strömenden Regen gut, sie könnte aber noch besser sein. Die Ultras verschiedener Vereine verweigerten ihre Unterstützung. Als stärkste Sektion gelten die Ultras von Pristina. Sie sehen alle Albaner in einer Nation vereint, alle unter der Flagge des albanischen Zweikopf-Adlers. Ein Volk, eine Nation – eine Nationalmannschaft. So klingt die einfache Gleichung der Gruppierung.

Mergim (21): „Es ist nicht so, dass wir das prinzipiell anders sehen. Darum geht es aber nicht. Wir sind unabhängig. Darum geht es. Die Unabhängigkeit war eine politische und keine sportliche Entscheidung. Jeder, der sich gegen Fußball im Kosovo ausspricht und meint, es dürfe nur die eine Nationalmannschaft geben, stellt die Politik an erste Stelle und spricht dem Kosovo das Recht auf eine lebendige Fußballkultur ab.“

Die Ultras fahren damit eine klare Linie, vertreten ein prinzipielles Statement. Doch die Entwicklung des Fußballs im Kosovo leidet ohne Beitritt in FIFA und UEFA. Im Kosovo gibt es mehr Bolzplätze als Straßen. Alle paar Kilometer stößt man auf Soccerhallen. Kinder und Jugendliche kicken von morgens bis abends. Doch wohin mit diesem riesigen Potential, der Fülle an schlummernden Talenten, wenn kein Trainer oder Elternteil den Jungen und Mädchen ein Ziel geben kann? Ohne Beitritt kein Wettkampf. Ohne Wettkampf keine Zukunft. Stattdessen Einbahnstraßenfußball. Abbiegen unmöglich. Das gilt auch und besonders für kosovarische Vereine.

Besnik: „Zu den Freundschaftsspielen stecken wir deshalb meinungstechnisch in der Zwickmühle. Einerseits kniet man nieder und ist dankbar für diesen ersten Schritt. Andererseits fühlt man sich wie ein kreischendes Baby, dem man kurz den Schnuller gab, damit es endlich Ruhe gibt. Es fühlt sich an wie eine Geste. Ein Händedruck. Die Entwicklung aber steht weiter still, die vielen, guten Talente verlassen weiter das Land. In diesem Zusammenhang zu sehen, dass Gibraltar an einer EM-Qualifikation teilnehmen darf, ist für uns Kosovaren aus rein fußballpolitischer Sicht ein verdammt harter Leberhaken.“

Durch die fehlenden Perspektiven, vor allem auf internationaler Ebene, gestaltet sich die Suche nach Sponsoren und Investoren wie die nach der verlorenen Zeit. Da helfen auch keine Mäzene. Auch diese leben von Partnern und Vernetzung und so paradox es auch klingen mag: personenabhängige Finanzspritzen sind für die Weiterentwicklung des Vereinsfußballs im Kosovo kaum etwas wert. Infrakstruktur und kontinuierliche Arbeit stellen sich als viel wichtiger dar.

Denn entpuppt sich ein Spieler in einem Verein als echtes Talent, kann ihn kein Matuschitz der Welt halten. Welcher junge Spieler will schon immer wieder gegen die gleiche Bolztruppe des Nachbarortes antreten? Für Fußball-Anarchisten ist der Kosovo deshalb ein Paradies. Hier ist Macht nicht mächtig, weil sie nicht mächtig sein kann. Für Spieler und Fans aber ist es ein freier Fall ins Niemandsland der Fußballzwerge.

Es folgt die erste Großchance für den Kosovo. Aus drei Metern vergibt der Fürther Stürmer Azemi freistehend. Der Fehlschuss wird so oft wiederholt, dass man eine weitere Chance verpasst. Der Vollbildmodus wird geschlossen. Das Bild hängt sich ab jetzt nur noch alle fünf Sekunden auf. Vielleicht wird das nächste Spiel gegen die Türkei ja im Fernsehen übertragen. Vielleicht läuft der ein oder andere neue Spieler auf. Vielleicht wird der Kosovo eines Tages an einer Qualifaktion für eine EM oder WM teilnehmen. Für die Generation der drei Brüder würde es die Zukunft bedeuten. Vielleicht aber passiert dies alles auch ganz sicher fast wahrscheinlich eher nicht. Typisch Kosovo eben.

hrp

(Der Artikel erschien in gekürzter Form am 29.03.2014 in der Siegener Zeitung)

Langholz

Langholz, Ortsteil der Gemeinde Waabs im Landkreis Rensburg-Eckernpförde. Langholz, zwischen 1903 und 1950 ein Umsteigebahnhof in der Schweiz. Langholz, in Festmetern gemessenes Rohholz. Langholz, Ausruf im Primatenfußball.

Warum dieser Begriff eine gern verwendete Beschreibung einer Spielweise im Fußball ist, erklärt sich zunächst alles andere als von selbst. Hätte man mit Fußball nichts zu schaffen, könnte man ein Foul in Form eines „langen Beines“ vermuten um dem Gegner „aufs Hölzchen“ zu gehen. Hat man jedoch mit Fußball etwas zu schaffen, könnte man sich aus der Unwissenheit anderer ein Späßchen gönnen, indem man dem ein oder anderen Betrachter nahe legt, es handele sich bei Langholz um den „Stock“ des Schiedsrichter-Assistenten.

In Wahrheit umschreibt Langholz beim Fußball das Schlagen hoher und weiter Bälle in die Spielhälfte des Gegners oder Försters. Meistens handelt es sich dabei um unkoordinierte Aktionen einer Mannschaft, hervorgerufen durch die uneingeschränkte Beschränktheit technischer Fähigkeiten. Zwar ist wegen der Adjektive „hoch“ und „weit“ eine gewisse Verwandtschaft zum britischen „Kick and Rush“ zu vermerken, doch kann Langholz auch einer imperativen Intention unterliegen, die einzig und allein das Wegschlagen bzw. Klären des Balles fordert, auch bekannt als „Befreiungsschlag“. So zielt der Zwischenruf „Langholz!!!“ nicht wie beim Kick & Rush allein auf die allgemeine Ausrichtung der Offensivtaktik, sondern auch auf eine bestimmte Spielsituation, in der ein in der Bredouille steckender Spieler den Ball wegschlägt, um eine mögliche Torgefahr des Gegners zu vermeiden. Manch einer soll dies jedoch auch unbedrängt und aus tiefer Überzeugung tun, was jedoch nicht bewiesen ist.

Wegen der daraus resultierenden Willkür ohne erkennbarem Konzept (sehen die Protagonisten natürlich anders), kann in Relation zum Kurzpass bzw. des Passspiels im Sinne einer Kombination, nicht von einem Spielsystem gesprochen werden. (sieht der Trainer anders) Es ist daher nicht überraschend, dass der Begriff Langholz aufgrund seines unattraktiven Erscheinungsbildes eher ungern als Erfolgsmodell offeriert wird (sehen alle anders), sondern vielmehr der Darstellung in Form von Kommentaren, Analysen, Spielberichten usw. dient.

Welche Auswirkungen die Spielweise Langholz im Vorfeld auslösen kann, zeigt ein Artikel auf RP-Online vom 24.08.2007: „Langholz auf der Essener Sportanlage „Am Krausen Bäumchen“. […] Exakt diese Art von Fußball erwartet den FC Remscheid wohl am Sonntag (15 Uhr) beim ESC Rellinghausen. Jedenfalls hat Helmut Lapscheck, Vorstandsmitglied des SV 09/35 Wermelskirchen, das nach dem Kreispokalspiel am Dienstag angedeutet. „Die spielen keinen schönen Fußball“, findet Lapscheck, dessen Team am ersten Spieltag beim Aufsteiger antrat und mit dessen „englischer Spielweise“ bei der 1:3-Niederlage unliebsame Bekanntschaft machte. Allerdings heiligt der Zweck manchmal eben die Mittel […].“

Lothar Steinhauer, damaliger Trainer des FC Remscheid, legt ein paar Zeilen später seinen Mannen für den kommenden Kick nichts Geringeres als „Gras fressen“ nahe, fügt hinzu, dass der Platz in Rellinghausen sehr klein sei und weist schließlich daraufhin, dass „fußballerische Mittel allein“ für einen Sieg nicht ausreichen werden. Am Ende des Berichts schließt er seinen rhetorischen Präventivschlag mit den martialischen Worten: „Wir müssen uns zwingen, auch mal mit blutigen Knien vom Platz zu gehen.“

Abseits der ausgesprochenen Emotionalität, die der Begriff offenbar bei einigen Beteiligten auslöst, beinhalten Steinhauers Ausführungen einen Hinweis auf die Beschaffenheit des Fußballfeldes. An dieser Stelle muss erläutert werden, dass Fußballfelder generell keinen genormten Maßen unterliegen, jedoch minimalen und maximalen Größen entsprechen müssen. Besitzen Spielfelder im Profigeschäft und insbesondere bei internationalen Turnieren meist identische Größen, weisen sie im Amateurbereich, nicht selten inspiriert vom Frühshoppen des Platzwartes, zum Teil erhebliche Unterschiede auf. Im Hinblick auf die Erfolgswahrscheinlichkeit von Langholz, erfährt vorrangig die Länge eines Fußballplatzes eine möglicherweise spielentscheidende Relevanz. So muss ein Spielfeld minimal 90 Meter lang sein, darf aber eine maximale Länge von 120 Metern nicht überschreiten. Ganz offiziell natürlich.

„Schlägt“ nun eine Mannschaft auf einem relativ kleinen, bzw. kurzen Fußballplatz viel Langholz in die Spielhälfte des Gegners, stehen die Chancen aufgrund der geringen Distanz zu dessen Tor automatisch besser als z.B. auf einem 118 Meter langen Sportplatz. Im Fußballjargon hört man aus den Reihen scheinbar chancenloser und daher defensiv ausgerichteter Mannschaften daher nicht selten die Phrase, dass nach viel Langholz vorne schon „der liebe Gott helfen wird“.

Interessant ist auf einem kleinen Spielfeld die Möglichkeit, dass sich ein ziellos geschossener Befreiungsschlag zu einer direkten Torvorlage entpuppen kann und den scheinbaren Effekt der Systematisierung auslöst. Eigentlich handelt es sich beim Ausüben von Langholz somit um systematisierte Systemlosigkeit, die erst durch Versagen des spielerisch ausgerichteten Systems des Gegners an Dynamik gewinnt.

Um dies zu provozieren, konzentriert sich die Langholz ausübende Mannschaft primär auf das Gewinnen von Zweikämpfen und der Störung des Spielaufbaus. (siehe auch: stochern) Somit ist als einzig systematisches Element das Erzwingen eines Fehlpasses bzw. Ballverlustes festzuhalten. Ob im Falle eines Ballgewinns der hoch und weit geschlagene Ball einen Torschuss, möglicherweise einen Torerfolg ermöglicht oder nicht, ist für die Begriffsbedeutung von Langholz gänzlich belanglos. Für die Bedeutung ist lediglich das äußere Erscheinungsbild von Beginn des Schusses bis zum Aufprall des Balles relevant.

Das „äußere Erscheinungsbild“ ist es dann auch, welches die Herleitung vom forstwirtschaftlichen Langholz erläutert. Manch ungeduldiger Autofahrer verbindet mit dieser Holzart lange, nicht zu überholende LKW-Ladungen. Über die Ladefläche hinaus ragen rundliche Baumstämme heraus, die bis auf der Entastung noch keiner weiteren Bearbeitung unterzogen wurden. Daher spricht man im Forstgewerbe bei Langholz auch von Rohholz. Genau dieses Merkmal baut eine Brücke zum Fußball: Der Spielstil ist roh und ungehobelt. Will also keiner sehen. Eigentlich.

Die langen, ungenau geschlagenen Bälle lassen sich für Mitspieler ebenso schwierig zu einem qualitativen Produkt verarbeiten wie die raue, unelastische, harte Rinde in einen ästhetischen oder nutzbaren Gegenstand. Auch zeichnet sich Langholz durch sein immenses Gewicht als unhandlich aus und ist, übertragen auf den Fußball, nur mit mindestens identischen Kräften zu bezwingen. So wie Remscheids Trainer Steinauer darauf aufmerksam machte, dass „allein fußballerische Mittel“ für einen Sieg nicht ausreichen werden, so wird auch ausschließlich filigrane Arbeit bei schwerem, massivem Forstholz nichts ausrichten.

Durch die defensive Ausrichtung und die Aneinanderreihung massiver Stämme fällt im fußballerischen Zusammenhang auch öfters die Bezeichnung des sogenannten „Abwehrbollwerks“, das durch die enge Dichte an Verteidigern nur „schwer zu knacken“ ist. In diesem Zuge wiederum fällt ein ganzes Sammelsurium an Fußballbegriffen. Sieht man z.B. ein ausschließlich Langholz schlagendes Abwehrbollwerk im Nachteil, wird schnell das Fazit vollzogen, dass ein Tor für die kontrolliert aufspielende Mannschaft „nur noch eine Frage der Zeit“ sei. Fällt dieses Tor trotz vieler Torchancen jedoch nicht so schnell wie prognostiziert, wird nahezu apokalyptisch darauf hingewiesen: „Wenn du die Dinger vorne nicht reinmachst, rächt sich das immer!“ In diesem Falle würde die Rache bei einem Stück Langholz beginnen und in einem erfolgreichen Torabschluss eines Konters enden. Langholz – eine primitive, unberechenbare Spielweise. Für kampfaffine Außenseiter ein gängiges Mittel, von technisch versierten Favoriten gefürchtet und verurteilt. Für Zuschauer mal geil, mal Unheil.

hrp

Bologna Calling

Alles erinnerte an die Wege der Nautilus. Das Reiseziel war gesteckt, die Pläne gedruckt, unbekanntes Terrain vor Augen. Doch ganz zu schweigen von alkoholisch inspirierten Fragen an Ryanair bezüglich voller Tankfüllungen drückte sich 20.000 Meilen tief im Unterbewusstsein die Frage auf ob man die über Viagogo bestellten Karten vor Ort auch erhalten würde. Fackeln, Steine und Mistgabeln, holt alles hervor. Es gibt tausend Gründe, dieses in London ansässige Unternehmen in die ewigen Themsegründe zu schicken. Warum absolut kein anderer Kaufweg übrig blieb, dazu nun eine kleine, feine, im Unterholz enddeckte Lücke, die miterklärt warum Viagogo so groß ist.

Als Serie A-Jungfernreisender nähert man sich einem Besuch in Italien mit Respekt und einem gehörigen Schuss Pragmatismus. Bereits die ersten Schritte der Informationsbeschaffung würden selbst das Gehirn Kapitän Nemos ins Schwitzen bringen. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es kaum eine Vereinshomepage auf englisch, französisch oder geschweige denn auf deutsch. Ist man einmal auf diesen Seiten, darf auch ein ständig steigendes, inneres Kesselpfeifen nicht unerwähnt bleiben, hervorgerufen durch eine von Menschenhand nicht weg zu klickende Anzahl verschiedenster Werbeeinblendungen. Schnell wird einem klar, dass ein stressfreier Italien-Trip so utopisch ist wie eine Mondlandung mit Ryanair. Hinzu kam, dass einer der Reisenden seit Kindesalter beherzt der „Alten Dame“ hinterher fiebert und die Sache mit dem „Extrawunsch“ Gästeblock zwar nicht als voraussetzend, jedoch als wünschenswert äußerte.

So stieß man bei weiterer Recherche automatisch auf Begriffe wie „Tessera del tifoso“ oder „Fidelity Card“, kurz: Fan-Karte. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine gewöhnliche Karte, sondern vielmehr um einen Ausweis, auf dem sämtliche persönliche Daten vermerkt sind. Ältere Exemplare dienen zudem als Kreditkarten. 2008 wurde dieses System nach dem Tod von Lazio-Fan Gabriele Sandri und dem Polizisten Filippo Raciti eingeführt. So sehr man sich also durch den Urwald aus Werbung, Unverständlichkeit und Informationsfehlern müht, steht am Ende die Erkenntnis, dass ohne Tifosi-Karte keine Möglichkeit des Vorverkaufs besteht.

Wären obendrein die Namen der Gäste an diesem 16. März Pescara oder Siena gewesen, hätte man sich mit ruhigem Puls in den Flieger gesetzt und im Schlafe davon träumen können welche Tageskarte wohl den günstigsten oder besten Platz bieten würde. Doch nun kam der Spitzenreiter und amtierende Meister Juventus Turin mit sechs bis achttausend Fans. Pyramiden von Tageskarten waren demnach von vorne herein eher was für Langstrecken-Träumer.

Es wurde wirklich alles getan um Viagogo und Co zu entsagen. Und nachdem uns auch Calogero Alessandro Carrubba vom deutschen Juventus Fanclub „Bianconeri Germania“ keines Besseren belehren konnte, trat man die Reise ins Reich der Diebe und Räuber an: Google. Betreff: „Tickets Serie A“. Die Gefühlslage bei solchen Tastatureingaben schwankt dann irgendwo zwischen fankultureller Resignation („Am Ende ist mal wieder der Zuschauer der Dumme!“), besorgniserregendem Selbstmitleid („Ich will doch nur zum Fußball!“) und gewissenhaften Sinnfragen („Was mache ich hier eigentlich?!“).

Da einige Anbieter wie italienfussball.de nur für bestimmte Vereine Karten anbieten und Bologna, welch Überraschung, nicht dazu zählte, trat man den Gang nach Canossa an: Viagogo. Überraschender Weise verlangte das Mutterschiff aller Schwarzmarktgeier nur 30€ (Normalpreis 25€) für eine Karte. Wäre dieser Preis wie gewöhnlich höher ausgefallen, hätte die Einwilligung zur Vorauszahlung niemals den Weg über das Bankinstitut gefunden, zumal man keinerlei Informationen erhielt, welchen Block, Sitz- oder Stehplatz man überhaupt erworben hatte. Zwei Stunden vor Spielbeginn könne man die Karten an einem Schalter abholen, hieß es. Es klappte alles. Auch wenn der Schalter eine Art XXL-Dixi mit Gitterstäben war und eine Menschenschlange mit völlig unterschiedlichen Dokumenten davor rangierte – wir bekamen unsere Karten.

Das interessante dieses Verfahrens ist: weder beim Ticket-Erwerb am Stadion noch an den Sicherheitskontrollen vor den Eingängen wird man nach der anscheinend so wichtigen Tifosi- oder Fan-Karte gefragt. Stellt sich die Frage, welchen Zweck ein solches System verfolgt, wenn ein Unternehmen wie Viagogo Tickets ohne Personalisierung in den Umlauf bringen kann. Wie funktioniert das? Oder funktioniert es vielleicht nur, weil es Unternehmen dieser Art gibt? Hinter all dem steht ein dickes Fragezeichen. Ja, man war im Stadion und glücklich. Die Nautilus war erfolgreich eingeparkt. Zufälliger Weise sogar im Juventus-Block.

Doch bei all dem Zufriedensein über das sportliche Ende eines Besuches in der Serie A bleibt ein fader Beigeschmack bei der Fragestellung, inwiefern Firmen wie Viagogo den Fußball in Zukunft infiltrieren werden. Über solche Untiefen abseits der 20.000 Meilen möchte man gar nicht nachdenken. Denn als unrühmlicher Fakt steht am Ende: über die italienischen Vereine lassen sich für Besucher anderer Länder keine Karten im Vorverkauf organisieren. Da wundert es nicht, dass sich darum dann eben andere „Vereine“ kümmern. Alles im Leben ist eben Politik. Die Clubs sind gefragt und gefordert.

Big in Bologna. Die Stadt mit seinen rund 385.000 Einwohnern steht heute vor allem für eines: Studenten. 80.000 von ihnen besuchen die älteste Universität Europas (1088). Zudem fällt einem neben der traumhaften Innenstadt und den vielen unverkennbaren Arkaden sowie dem Wahrzeichen der Stadt, die zwei schiefen Türme Garisenda und Asinelli, vor allem eines auf: Ziegel. Sehr viele rote Ziegel. Unmengen davon.

Das „Stadion Renato Dall’Ara“ im 3km entfernten Westen der Stadt bietet neben eben jenen Ziegeln vor allem Geschichte und eine äußerst originelle Architektur. Die Haupttribüne ist als einzige überdacht, die Ränge so steil wie der alte Bökelberg und die Gegengerade lässt den Atem kurz inne halten: ein Rathaus ähnliches Prunkmodell ragt auf Höhe der Mittellinie so empor als hätte Caesar höchstpersönlich das Spiel um den Ball eröffnet. Eine Tartanbahn, vier heroische Stadionmasten und eine Anzeigetafel alter Schule formen das Stadion zu einem Gesamtkunstwerk europäischer Stadiongeschichte. Nur konsequent, dass sich hier kein Unternehmen im Stadionnamen wiederfindet. Seit 1983 hört der Ziegeltempel auf den Namen seines Ex-Präsidenten, der 30 Jahre lang im Amt waltete.

Im Stadion selbst reichen einem Rentenerinnen in Käfig-Kiosks 0,3l Biere über den Tresen, die man vorher an einem anderen Schalter für drei Euro bereits bezahlt hatte. Quittungen sind daher so wichtig wie das Bier selber. Bratwurst, Schnitzel und Pommes waren Fehlanzeige. Lediglich Snacks und Kaugummis verhalfen kurz zu einem Geschmacksbad. Warum man dies im Land des guten Essens derart vernachlässigt und man nicht einmal ein Stück Pizza-to-go erwerben kann, wie an nahezu jeder Ecke in Bologna, ist schleierhaft.

Regelrecht unnütz scheint die Anweisung der Reihe und des dazugehörigen Sitzplatzes auf der Eintrittskarte zu sein. In vielen der von Beton und Moos unterlaufenen Reihen fehlen ganze Sitzschalen. Weitere sind beschädigt und völlig unbrauchbar. Da aber eh alle Zuschauer in der Kurve stehen, ist dies nicht weiter tragisch. Da stört es auch nicht, dass noch der Müll der letzten Spiele im oberen Teil des Blocks aufbewahrt wird. Hingegen muss erwähnt werden, dass die sanitären Anlagen mit relativ sauberem Aussehen überraschten und absolut bundesligatauglich wären. Ständig ertappt man sich beim hin- und hergerissen sein zwischen nostalgischer Empfindsamkeit und modernen Ansprüchen. Wer diesen Spagat mag, ist in Bologna so aufgehoben wie ein Kind im Toys“R“us. Für echte Groundhopper ist daher das Stadion Renato Dall’Ara ein echter Wallfahrtsort.

Eines erinnert an die Besuche deutscher Stadien bevor sie Arenen wurden. Bereits gute zwei Stunden vor Spielbeginn ist rund um das Stadion die Hölle los. Polizei, Menschenmassen, gesperrte Straßen und jede Menge Carabinieri teilen sich das Gelände und die von Scheinwerfen durleuchteten Nebenstraßen. Zu diesem Zeitpunkt fragt man logischerweise nach dem Warum der Masse, da von Werbespielchen und Imbissbuden ebenso wenig zu sehen ist wie von Vereinskneipen oder Fanshops.

Die Antwort bekommt man schließlich am Eingang, wenn man Platz vor der ersten Kontrolle in einer großen Menschentraube findet. Dann realisiert man nämlich, dass eine Odyssee von insgesamt drei Kontrollpunkten vor einem liegt und die Ordner so penibel arbeiten wie Gesichtsscanner. Ohne Personalausweis braucht man den Weg erst gar nicht anzutreten. Die zweite Kontrolle ertastet und fragt dich ausdrücklich nach Getränken und Laser-Pointern, erweist sich jedoch als weniger problematisch.

Wenn man dann mit seiner Karte, stets unter den Augen schwerstbewaffneter Carabinieri, ein drittes Mal für das Durchqueren der Drehkreuze Geduld üben muss, erahnt man, was in Italien vor allem in den 90er Jahren für Zustände herrschten. Dabei muss erwähnt werden, dass die Carabinieri ein eigenständiger Teil der italienischen Streitkräfte und alles andere als Streifenpolizisten sind. Verbarrikadiert hinter Schutzschildern und Waffen wirken sie wie Abbilder einer einstigen Terrakottaarmee. Interessant dabei ist, dass sie immer auf relativ großen Abstand präsent sind. Keine Wege werden versperrt, keine Kontrollen durchgeführt, keine Reiterstaffel durchstreift grundlos ein Meer von Menschen. Kurz gesagt: auch wenn die Ordnungskräfte offensichtlich auf das Äußerste vorbereitet sind, tun sie alles dafür um Provokation zu vermeiden.

Dieses Bild formt sich im Stadion zu einem Ganzen. Auf beiden Seiten brannten Bengalos, Rauchbomben wurden gezündet. Als deutscher Fußballfan war man schon etwas verwirrt, dass dies kaum jemanden, ja nicht einmal den Stadionsprecher störte. Alles was man in Italien präventiv dagegen tut ist der Einsatz von drei Feuerwehrmännern, die mit Hilfe von Müllzangen die heranfliegenden Bengalos in kleine Wassereimer bringen. Das ist alles. Keine Ordner. Keine Polizei mit Kameras. Und irgendwie auch alles kein Problem. Ja selbst die drei Feuerwehrmänner wirkten so ausgeglichen wie Andi Brehme am Elfmeterpunkt. Eher machten Sie den Eindruck gelangweilter Schüler, die man zum Schulhofdienst verdonnert hatte. Von Gewalt jedenfalls weit und breit keine Spur.

Auch das Klischee, italienische Stadien seien unantastbare Männerdomänen, hält keine fünf Spielminuten. Viele junge Frauen und Kinder scheinen ein Stadion in Italien ebenfalls als friedlich und sicher anzusehen. Den durchweg positiven Eindruck bestätigten nach Schlusspfiff vier Männer in der Pizzeria „San Gennaro“, welche sich direkt am Stadion befindet. Man unterhielt sich über die ganz großen deutschen Legionäre von Klinsmann über Völler bis Klose. So dauerte es lediglich einen Wimpernschlag, bis der Name Helmut Haller fiel, der, wie sie sagten, der erste „Star Italiens“ war. Kein Wunder. Haller holte mit Bologna die letzte Meisterschaft 1964. So erfuhren wir auch, dass nach Hallers Tod im Oktober 2012 sein Sohn zu Gast war und das ganze Stadion mit ihm gemeinsam an die großen Zeiten seines Vaters gedachte. Zu guter Letzt lockerte sich die Stimmung wieder als einer der vier Männer Matthäus als „good fucker“ titulierte und nur einen Satz später der Name Herbert Waas fiel. „Haha no. He is not a legend as Haller. But he scored a goal against Juventus with his balls!” Nachdem dies neben 209 Pflichtspielen für Bayer Leverkusen, 11 Länderspielen für Deutschland und Waas eigener Facebook-Seite (124 Likes) nun endlich auch geklärt war, kam man gerne zu dem Fazit: Serie A? Verdammt gerne wieder!

FC Bologna vs. Juventus Turin 0:2, 16.03.2013

hrp

Bei Anruf Kreisliga

Es roch nach Rasen. Naturrasen. Auch wenn die Umkleidekabinen “hinter den Büschen da irgendwo” lagen – die Anlage des SC Ingelfingen sah für einen Kreisligisten verdammt schnieke aus. Neben dem Hauptgrün like Wimbledon, das aufgrund fehlender Wurzeln, Steine, Sand und Bierkorken einer Kreisligapartie nahezu unwürdig war, befand sich nebenan auch noch ein ebenso grünsatter Trainingsplatz. Lediglich die aus Genie und Wahnsinn verstreuten Kreidelinien des Spielfeldes ließen erahnen, dass hier zumindest der Platzwart Amateursport betrieb.

Alles andere als amateurhaft war hingegen ein Ordner, vorbildlich mit Armbinde frankiert, der dafür sorgte, dass die Zuschauermassen kontrolliert an Bratwurst und Eintrittskasse gleichzeitig gelangen konnten. „Haja klar, 120 haben gezahlt. Aber die vielen Frauen haha…mach ausverkauft draus: 500!“ Ich notierte nickend, dass die ca. 140 Besucher gut drauf waren im „staatlich anerkannten Erholungsort“ nähe Schwäbisch Hall.

Erholen konnte sich der Gast aus dem 18km entfernten Waldenburg von vorne herein nicht. Nach sechs Gegenbuden im ersten Meisterschaftsspiel musste eine Reaktion her. Und die kam auch. Ziemlich genau 5 Minuten lang. Der „Zehner“, technisch gut, körperlich aber ne Fritte, spielte mit der „megafalschen Neun“ schnell zwei vielversprechende Chancen heraus, von denen eine jedoch im nahe gelegenen Flussbett des „Kochers“ verschwand. Ein Entenpaar flog genervt davon. Genug von zu wenig. Ein einziger Konter der Hausherren reichte kurz darauf aus um in Führung zu schlittern.

Die weiteren Treffer konnten, mussten aber nicht fallen. Dies sahen einige Akteure der Gäste jedoch anders. Die TSG Waldenburg brachte eine Abwehr mit, die nicht recht wusste, ob sie Dreier- oder Fahrradkette spielen sollte. Diese Defensivrabauken inkl. dem Rückwärtsgang diverser Mittelfeldraketen wurden leider, ja man muss es so sagen meine Damen und Herren, nur noch durch deren komplett in lila gekleideten Torwart getoppt, dessen Irrwege im 5m-Raum kosmische Ausmaße annahmen.

Als es kurzzeitig nur noch 4:2 stand, wurde es hektisch am Spielfeldrand. Dass sich in solchen Spielsituationen der Spielertrainer einwechselt um Ruhe ins Spiel zu bringen, ist ja nichts Neues. Doch darf man an dieser Stelle objektiv fragen, warum dieser sich die Nummer 10 überstreifte. Der Fußball erfindet sich anscheinend immer wieder neu. Über so viel Eitelkeit schmunzelte wohl auch ein Spieler der zweiten Mannschaft, bis er mit samt Bierflasche einen Ball am Spielfeld abfangen wollte, schließlich aber mit Haltungsnoten um die 9,0 seinen Körper von der Bank senste. Doch nicht Wimbledon.

Am Ende stand erst einmal nach zwei Spieltagen nur eines fest: Ingelfingen 6 Punkte, 10:2 Tore/ Waldenburg 0 Punkte, 2:11 Tore. Vielleicht kicken die Ingelfinger ja irgendwann derart phänomenal, dass diese Leistungen sogar auf deren Homepage aktualisiert werden. Letzter Eintrag: 24.03.2006: Jahreshauptversammlung. Vielleicht übernimmt das ja der Platzwart.

SC Ingelfingen vs. TSG Waldenburg 5:2, 02.09.2012

hrp

Alptraum Allianz-Arena

Die Pläne waren so gut wie fertig. Monate waren vergangen. Dann der Schock. Ich bekam einen Sitzplatz im Block 244, Reihe 25. Nicht in Spielfeldnähe. Ich schluckte die Nachricht und musste mich erst einmal setzen, mich sammeln. Minutenlang. Mein Verein würde verlieren, egal. Doch wie sollte ich aus solch großer Distanz meine Urinstinkte zum Ausdruck bringen? Nackt zu Hoeneß flitzen, Manuel Neuer umgrätschen, Ribery mit Feuerzeugen treffen oder dem Linienrichter ein Paulaner an die Stirn schmeißen. Aus gut sechzig Metern Entfernung alles undenkbar. Bei den Bundesjugendspielen, und da war ich jung und sportlich gewesen, schaffte ich einst 54 Meter. „Mit Anlauf und ohne ein sich bewegendes Ziel“ dachte ich.

Am nächsten Tag traf ich mit den Jungs auf eine Zigarette am Bahnhäuschen. Benni meinte, es täte mir nach meinem frisch abgelaufenen Stadionverbot vielleicht ganz gut, vorerst als normaler Fan zu reisen. Sie wollten mir helfen, mich schützen vor dem Tier in mir. Vielleicht hatten meine Jungs Recht. Schließlich war ich ja immer noch wegen meines Vereins unterwegs. Und auf den war ich ja so verdammt stolz. Ich wollte eine Nacht darüber schlafen.

Fünf Nächte später stimmte ich dem Rat zu. Denn es brachte alles nichts. Aus der letzten Reihe des Blocks 244 einen Bayern-Spieler zu verletzen war so unmöglich wie ein Einbruch im Fort Knox. Ich atmete tief, schlenderte geknickt die Treppen meiner Reihenhauswohnung in Gelsenkirchen-Horst herunter und kochte mir die letzten zwei Eier auf Stufe hart. Sehr hart. Noch zwei Wochen bis zum Spiel.

Erst Tage später war ich endgültig damit einverstanden, mich in München friedlich zu verhalten. „Grad is sowas eh schwierig. Die Bullen sinn zurzeit etwas unausgeglichen.“ meinte Benni. Ich nickte traurig. Ein Spiel ohne jegliches Auffallen. Sport. Fußball. Ich war soweit. Die Einstellung hielt bis zur Abfahrt an, auch wenn mir beim Anblick meiner 45€-Sitzplatzkarte gelegentlich der Finger zum eingerollten Plan B (Feuer im Toilettenraum) ausrutschte. Standen deren Fans bei uns doch für unter zwanzig Euro im Gästeblock.

Die Türen der S-Bahn gingen auf. Fröttmanning. Menschen. Viele Menschen. Plötzlich drückte die Blase. Doch kein Pissoir außerhalb der Arena. Ebenso keine Getränke- oder Essenstände. Ich urinierte schmerzerfüllt an eine nahe gelegene Mauer. Erleichtert drehte ich mich um. „Urinieren auf dem Gelände ist verboten. 15€!“ frohlockten zwei Ordnungshüter. Ein Wunder passierte. Ich blieb besonnen. „Heute nicht, heute bist du friedlich.“ sagte ich mir. Ich bezahlte. Musste mir aber eingestehen, dass ich die beiden am liebsten auf der Stelle erwürgt hätte. Gott weiß, wie ich es schaffte, aber meine Aggressionen, mein Mr. Hide, traten nicht hervor. Ich blieb friedlich.

Endlich. Stadionkatakomben. Bier 4€ x 4 Personen. „Geht schonma innen Block. Ich muss nochma, dann bring ich die Pylönchen gleich mit!“ rief ich noch meinen Jungs zu. Ich steckte meine Allianz-Arena-Karte in das Lesegerät und bestätigte einen Betrag von 16€. Sogar einen Behälter zum Tragen bekam ich. Vorsichtig wendete ich mich zum direkt vor mir liegenden Blockeingang. Ganz klassisch, mit beiden Händen das Bier umklammernd und der Eintrittskarte im Mund. „Bier ist im Block verboten!“ schnurrte mich ein Ordner an. Ich stellte die Getränke neben die ins Stadion führende Treppe. Als ich noch darüber nachdachte, ob ich das gerade richtig verstanden hatte, bemerkte ich eine Schar unterschiedlicher Menschen, die lautstark die Ordner beschimpften, jedoch außer einer kalten Schulter keine Antwort bekamen.

Nicht einmal beim Exen wollt ihr helfen!“ nahmen es manche mit Humor und schossen Fotos in posierender Haltung mit Bier im Anschlag. Weitere Ordner erschienen. Keine Gewalttäter. Keine Hooligans. Ja nicht einmal besoffener Pöbel weit und breit. Ein Familienvater zückte sein Handy und teilte seiner Frau im Block mit, dass er die zwei Fanta für die beiden Kids und ihre Cola nicht mit hinein nehmen dürfe. Ein anderer diskutierte mit rotem Kopf, dass es nur ums Abzocken ginge. „Nicht mal einen Hinweis am Verkaufsstand habt ihr! Hauptsache man steckt die scheiß Karte da rein!“. Ich beteiligte mich nicht. Heute nicht. Heute war ich die Ruhe selbst. Ich rief die Jungs an, die kamen wieder aus dem Stadion heraus, wir exten die Biere schnell gemeinsam und gingen friedlich in den Block. Hinter uns regte sich inzwischen ein Mann derart auf, dass er einem der Ordner ein Bier über dessen Weste kippte. „Da habt ihr euer scheiß Bier!“ gehörte dabei ganz klar noch zu den harmloseren Kommentaren. „Schikanieren“, „Handeln nach eigenem Ermessen“- man kann es nennen wie man will. Völlig unnötig bleibt es.

´Kunde ist König´ ist im Stadion nur noch ne Floskel!“ ging es im Block eine Reihe unter uns weiter. Halbzeit. Klar, mein Verein verlor. Egal. Hunger. Jetzt ne Bratwurst. 3.50€. „Ich hole!“ sag ich noch. Gekauft und auf dem Weg zurück in den Block, baut sich ein weiterer Ordner vor mir auf. „Bratwurst ist im Block verboten!“. Meine Aggressionen hatten so gut inne gehalten. Ich, der Problemfan. „Reiß dich zusammen!“ flüsterte ich mir leise zu. Ich ging zurück zum Verkaufstand und wickelte die Würste in Servietten ein wie einen Döner zum Mitnehmen. Dann ließ ich noch kurz ein Beweisfoto machen, wie ich drei Bratwürste in meinem Pulli versteckte und grinsend an den beiden Ordnern vorbei schmuggelte. „Das glaubt mir zu Hause sonst kein Mensch!“ sagte ich dem älteren Mann und Teilzeitfotografen.

Stolz ging ich die Treppenstufen hinauf. Das Spiel lief bereits wieder. Fünf Minuten verpasst. Keiner der Zuschauer besaß ein Getränk oder eine Wurst. Ich war der König des Blocks! Fühlte mich jedoch angiftend beobachtet. In Reihe 25 angekommen, erblickte ich hinter mir einen Mann, der in der VIP-Loge ein gläsernes Weizenglas ansetzte und nicht einmal das Spiel verfolgte. Dr. Jekyll verlor seine Macht. Mr. Hide war nicht länger zu bändigen. Ich drehte mich um, zielte und warf mit voller Wucht von Hass getriebene 64,4 Meter. Neuer Bundesjugendspielrekord! Meine Bratwurst explodierte in tausend Stücke an Riberys Kopf. Er ging zu Boden. Weinte. Blutete die Stirn entlang. Massenschlägerei und Tumulte folgten. Spielabbruch. Plötzlich erwache ich aus meinem Traum.

Panisch schaue ich auf mein Handy. 09. Februar 2013, 5:45 Uhr. Schweißperlen auf meiner Stirn. „Aufstehen! Um halb sieben geht´s los! Willst du noch duschen?“ höre ich meinen Vater fragen. Vor uns liegt eine 600km lange Auswärtsfahrt nach München. Auf Höhe Würzburg denke ich an den Traum, der so erschreckend real und absurd zugleich gewesen war. Ich schaue in meinem Smartphone auf der Domain der Allianz-Arena nach. Nur zur Sicherheit natürlich. Über den Bereich „Service“ gelangt man zur „Stadionordnung“. Dort steht in dritter Zeile: „Zusätzlicher Hinweis für Gästefans – Speisen und Getränke dürfen im Gästesektor nicht in den Block mitgenommen werden.“

Ich schmunzele vor mich hin und denke an „…0% Schlagstock, 100% das Spiel…eine Initiative von ARD, LIGA total, SKY, SPORT1 und ZDF.“ Ich bin Fan. Kein Problemfan. Und was ihr von dieser Geschichte glaubt und was nicht, wisst ihr alleine. Wenigstens weiß ich jetzt endlich ganz genau, was Uli Hoeneß in seiner Wutrede meinte als er sagte: „Was glaubt ihr eigentlich was wir das ganze Jahr über machen damit wir euch für sieben Euro in die Südkurve gehen lassen können?“

hrp